Wegfall der Zuckerquote Wie sich die Rübenbauern im Rheinland wappnen

Zum ersten mal seit Langem muss sich die deutsche Zuckerindustrie mit dem rauen Weltmarkt auseinandersetzen: In der EU fällt der Mindestpreis für Zuckerrüben weg. Jetzt heißt es: fit machen für den Wettbewerb.
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Der Rübenbauer aus Rommerskirchen bei Köln macht sich keine Sorgen über den Wegfall der Zuckerquote: „Wir im Rheinland haben eine Traumlage“. Quelle: dpa
Hubertus Velder

Der Rübenbauer aus Rommerskirchen bei Köln macht sich keine Sorgen über den Wegfall der Zuckerquote: „Wir im Rheinland haben eine Traumlage“.

(Foto: dpa)

DüsseldorfWenn Hubertus Velder auf dem Acker steht, schaut er weit in die Vergangenheit. Seit sieben Generationen bewirtschaftet seine Familie schon das Land in Rommerskirchen bei Köln. Auf rund 200 Hektar baut der 56-Jährige hier Gemüse an - auf 50 davon wachsen Zuckerrüben. „Mein Beruf ist mein Hobby – seit über 30 Jahren“, sagt der Landwirt. 2017 könnte ein gutes Jahr werden. Wie viele andere Rübenbauern hat auch er seine Produktion gesteigert. Wachstum ist das Gebot der Stunde.

Die Expansionslust der Landwirte hat einen guten Grund: Bislang waren Produktion und Verkauf von Zucker in der EU streng reglementiert. Für die Zuckerrübe, aus der etwa 80 Prozent des Zuckers hierzulande stammen, galt ein fester Mindestpreis. Eine Quote bestimmte außerdem, wie viel Zucker insgesamt in Deutschland produziert werden durfte. Es war ein Markt ohne viel Bewegung.

Zum 1. Oktober fallen diese Regelungen allerdings weg - mit weitreichenden Folgen zumindest für die Zuckerindustrie. „Aussaat und Anbau 2017 erfolgten bereits unter den neuen Marktordnungsvorgaben, die ab 1. Oktober 2017 gelten“, sagt Peter Kasten vom Rheinischen Rübenbauer-Verband. „In der EU wuchs die Anbaufläche 2017 gegenüber 2016 um rund 17 Prozent, in NRW sogar um etwas mehr als 20 Prozent.“

Womit Bauern ihr Geld verdienen
Pflanzen
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Von Brotweizen über Wein, Kartoffeln und Möhren bis Zuckerrüben: Was 2016 auf deutschen Äckern wuchs, hat einen Wert von 23,9 Milliarden Euro, knapp drei Prozent weniger als im Vorjahr. Das ergibt sich aus Daten der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI). Wichtigste Posten sind Getreide und Futterpflanze.

Vieh
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Ebenso wichtig ist, was die Bauern im Stall herstellen: Fleisch, Milch und Eier. Im vergangenen Jahr lag der Produktionswert laut AMI bei 23,5 Milliarden Euro, vier Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Das lag vor allem am gesunkenen Milchpreis. Aber auch das Fleisch von Rindern, Schweinen und Geflügel sowie Eier wurden günstiger. Tausende Betriebe bieten auch Pferde-Stellplätze, viele sind Reiterhöfe.

Strom
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Gülle, Mist und Mais werden zu Biogas vergoren, auf dem Scheunendach glänzen Solarzellen und überm Acker drehen sich Windräder: Viele Bauern erzeugen Energie, insgesamt waren es im vorletzten Jahr 8.200 Megawatt – die Leistung von etwa vier Atomkraftwerken. „Von Landwirt zum Energiewirt“, war lange ein Schlagwort. Knapp 5,7 Milliarden Euro setzten die Bauern mit Strom um, wie der Bauernverband schätzt.

Urlaub
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Natur und Tiere, frische Lebensmittel und manchmal Mithilfe im Stall – das ist Urlaub auf dem Bauernhof. Rund 10.000 der etwa 280.000 Höfe in Deutschland haben Feriengäste. Die Ferienwohnungen und Gästezimmer werden immer besser gebucht. Besonders im Sommer bleibt auf dem Hof kaum noch ein Bett frei, wie aus Daten der Bundesarbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof hervorgeht. Die Umsatzgrenze von einer Milliarde Euro wurde nach einer Studie des Agrarministeriums schon 2011 überschritten. Manche Betriebe mausern sich zu Erlebnisbauernhöfen – mit Kutschfahrten und Maislabyrinth.

Wald
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Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist Privatbesitz, jeder zehnte Hektar gehört nach der Agrarstrukturerhebung einem Landwirt. Die Preise für Holz sind zwar in den vergangenen beiden Jahren leicht gesunken, liegen aber immer noch bis zur Hälfte höher als etwa vor einem Jahrzehnt.

Hofläden
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Sie sind für viele ein wichtiger Nebenverdienst. Die Käufer sind oft Stammkunden und bereit, auf dem Hof mehr zu bezahlen als im Discounter – und im Gegenzug den Erzeuger zu kennen und genauer zu wissen, woher ihre Lebensmittel kommen. 1,3 Milliarden Euro nahmen die Bauern 2015 über Direktvermarktung ein, wie eine Untersuchung der AMI ergab. Doch vom neuen Regional-Trend profitieren die Hofläden nicht. Denn auch Supermärkte setzen auf örtliche Marken.

Andere Berufe
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Für die Hälfte der Bauern ist der Hof nur ein Nebenerwerb – die Haupteinnahmequelle ist eine andere: Viele sind Facharbeiter, Arbeiter und Angestellte. Geackert und gefüttert wird vor der Arbeit und nach Feierabend, an Wochenenden und im Urlaub.

In Zukunft dürften die Preise von Zuckerrüben und fertigem Zucker zwar stärker schwanken. Nach Einschätzung der Industrie wird sich für die Endverbraucher jedoch kaum etwas ändern. „Bei den meisten Lebensmitteln ist der Anteil des Zuckers an den gesamten Rohstoffkosten gering“, erklärt eine Sprecherin der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker. „Von daher erwarten wir keine spürbaren Effekte für die Verbraucherpreise dieser Lebensmittel.“ Nur etwa zehn Prozent der Produktion gehen demnach als Haushaltszucker in den Markt.

Die Zuckerfabriken, die die Rüben verarbeiten, versuchen ihrerseits, wettbewerbsfähiger zu werden, indem sie ihre Effizienz steigern. Nach dem Wegfall der Quoten wollen sie die bisherigen Importe durch eigene Produktion ersetzen. Dafür müssen sie sich gegen die wachsende Konkurrenz aus Europa rüsten.

Effizienz ist dabei oft gleichbedeutend mit Einsparungen. Im Oktober vergangenen Jahres hat etwa die Firma Pfeifer & Langen, die Produkte der Marke „Diamant Zucker“ herstellt, bereits angekündigt, ab dem Frühjahr 2018 eines ihrer Werke in Nordrhein-Westfalen schrittweise herunterzufahren und die Produktion auf andere Standorte zu verlegen.

„Ausruhen dürfen wir uns nicht“, mahnt auch Velder. „Die Quote hat fantasielos gemacht. Das war im Grunde Planwirtschaft.“ Sorgen mache er sich aber nicht. „Wir im Rheinland haben eine Traumlage. Der Zucker ist ein regionales Produkt, und wir haben mehrere Millionen Verbraucher vor der Haustür“, sagt der Landwirt. Das sei ein großer Vorteil.

Tendenziell könnten die Produktionsmengen in Deutschland künftig steigen - darin sind sich alle Beteiligten einig. „Ohne gesetzliche Beschränkungen hinsichtlich der Menge können Zuckererzeuger ihre Produktionskapazitäten optimieren und Produktionskosten für Zucker reduzieren“, heißt es in einem Statement der EU-Kommission. Auch auf dem Weltmarkt könne nun Zucker aus der EU verkauft werden.

Zwar gibt sich auch Rübenbauer Velder optimistisch - auf dem Weltmarkt sieht er seine Rüben jedoch nicht. „Der Weltmarkt ist die Mülldeponie des Zuckers“, meint er. Gegen die „Global Player“ beispielsweise aus Südamerika komme man nicht an.

Hierzulande allerdings sieht Velder gute Chancen für sich und seinen Betrieb. Bliebe nur noch zu klären, wer die nächste Generation der Rübenbauern in Rommerskirchen einläuten wird. Bislang habe keines seiner Kinder Interesse daran bekundet, das Erbe anzutreten. Doch irgendwie, da ist sich Velder sicher, wird es weiter gehen.

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