Wienerwald in der Dauerkrise
Österreichs Hendl atmen auf

„Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald“, hieß der Werbeslogan der gleichnamigen Restaurantkette in den goldenen Zeiten des Unternehmens in den 60-ern und 70-ern. Seit 20 Jahren ist die Hendlbraterei allerdings in der Dauerkrise – und momentan sieht es mal wieder so aus, als würde eher beim Wienerwald der Grill kalt werden, als die Küche des Kunden.

WIEN. Am Mittwoch drang aus dem Stammhaus in Wien, das sich von den Wirtshäusern in Deutschland schon länger getrennt hat, aber in Österreich noch 17 eigene Restaurants betreibt, die Einschätzung der Wirtschaftsprüfer, die mit dem Satz endet: „Der Fortbestand der Gesellschaft ist mit wesentlichen Unsicherheiten behaftet.“ Gestern hieß es dann, die Sanierung macht Fortschritte.

Während allenfalls Hühner nun aufatmen, bedeutet der Prüfvermerk für die noch 320 Mitarbeiter der österreichischen Restaurantkette nichts Gutes und im schlimmsten Fall das Ende einer Tradition, die der Linzer Oberkellner Friedrich Jahn 1955 begründete. Damals erfand Jahn den ersten rotierenden Hendlgrill und löste damit eine gastronomische Revolution aus. Seine Münchener Gaststätte „Linzer Stüberl“ benannte er um in „Wienerwald“ und verkaufte fortan Grillhähnchen. Zehn Jahre später brachte der erwähnte Slogan die Wirte weiter auf Trab.

Mit 4 200 Mitarbeitern war „Wienerwald“ die größte Gastronomiekette Europas, legte sich ein paar Hotels zu und 1983 seine erste Pleite hin. Jahn war die Sache über den Kopf gewachsen. In der Folge wechselten die Eigentümer schneller als die Gerichte auf den Tellern. Wienerwald Deutschland und Wienerwald Österreich wurden in zwei Gesellschaften geteilt. Ein Finanzinvestor stieg ein und wieder aus. Der österreichische Teil gehört seit dem vergangenen Jahr einem gewissen Harald Fischl, dem man vom Namen her keine Hähnchen-Grill-Kette zutraut. Immerhin aber war er Chef des Grazer Fußball-Clubs, der passenderweise „Gak“ heißt, und nebenbei profiliert er sich als eher rechter Politiker.

Tatsache ist aber, dass unter Fischl der Hendl-Absatz sank. Jetzt will die Kette erneut Filialen dichtmachen und in den verbleibenden Restaurants Staub wischen, so dass bis Ende 2008 das Eigenkapital wieder positiv sein soll. Voraussetzung ist, dass die Lieferanten weiter mitspielen, die in der Vergangenheit schon mal auf Pump liefern mussten.

Schuld am Einbruch, so sagt übrigens der Geschäftsführer, sei auch die Vogelgrippe. Aus diesem Grund will Wienerwald nun Produkte anbieten, in denen kein Geflügel verarbeitet ist. Was zum Beispiel? „Strudelvariationen“ werden von Wienerwald angekündigt, womit dann hoffentlich nicht der weitere Geschäftsgang beschrieben wäre.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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