Winter bremst ICE
Der Blitzkrieg der Bahn

Vor dem erwarteten Wintereinbruch am Wochenende hat die Deutsche Bahn ihren ICE-Zügen ein Tempolimit verpasst. Was sich zunächst übertrieben anhört, könnte in Wirklichkeit ein genialer Schachzug von Bahnchef Grube sein.

DüsseldorfAb Freitag führt die Deutsche Bahn ihren ganz persönlichen Blitzkrieg. Und zwar gegen das Wetter. Auf neun Schnellfahrstrecken, auf denen die ICEs normalerweise mit bis zu 300 Kilometern in der Stunde rasen, wird mit Betriebsbeginn in der Nacht bis auf weiteres das Tempo der Züge auf 200 Stundenkilometer gedrosselt.

Grund ist die Vorhersage für das Wochenende mit Schneefällen und Eisregen, sagt die Bahn. Der Staatskonzern will damit Zugausfälle durch Schotterflug oder massive Verspätungen vermeiden. Für die Fahrgäste auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken im Fernverkehr ergeben sich dadurch Fahrzeitverlängerungen von zehn bis 35 Minuten.

Das alles liest sich äußerst dramatisch. Als erwarte die Bahn ein regelrechtes Winter-Unwetter am Wochenende. Der Wetterdienst ist da viel gelassener. Schnee und Eis ja, in den Bergen und an der Küste auch Sturm. Aber von Unwetterwarnung keine Spur.

Offensichtlich steckt der Bahn noch die Odyssee eines Intercity am 4. Januar in den Gliedern. An diesem Tag hatte ein Zug aus Norddeich 22 Stunden Verspätung, weil plötzlicher Eisregen den Zugverkehr an der Küste massiv behinderte. Nun will die Bahn blitzartig reagieren. Das wäre eine naheliegende Erklärung.

Möglicherweise ist es aber auch eine neue Strategie der Bahn, Verspätungen vorzubeugen, indem drohende wetterbedingte Verspätungen vorhergeahnt werden. Sozusagen ein Schnee- und Eisregen-Fahrplan. Denn eines der Ziele mit höchster Priorität in den Sanierungsplänen des Bahnchefs Rüdiger Grube lautet: Pünktlichkeit. Die Bahn definiert sich angesichts der Witterungsunbilden einfach Verspätungen weg. Aber das ist hier jetzt nur eine kühne Vermutung.

Das ist neu, taktisch aber vielleicht gar nicht so unklug. Denn bislang mussten sich die Zugführer immer im Nachhinein bei ihren Fahrgästen entschuldigen, dass ihr Zug eine halbe Stunde zu spät am Zielbahnhof ankommt. Nun also entschuldigt sich die Bahn schon mal vorweg.

Ob sie dabei aber ein ganz neues Problem bedacht hat? Was macht die Bahn, wenn die Züge am Wochenende Wind und Wetter trotzen und pünktlich auf die Minute einrollen? Dann sind die Enkelkinder, die Oma abholen sollten, noch nicht einmal unterwegs. Und welcher Eisenbahner will sich schon dafür entschuldigen müssen, dass der Zug ausnahmsweise pünktlich eingelaufen ist?

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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