Zahl der Trittbrettfahrer steigt
Grünem Punkt droht das Ende

Die Lage in der deutschen Entsorgungswirtschaft spitzt sich zu. Der zunehmende Wettbewerb beim Grünen Punkt führt inzwischen dazu, dass Abfallkontrolleure in Deutschland den Überblick verlieren. Immer mehr Konsumgüterhersteller nutzen das Markenzeichen auf ihren Verpackungen, ohne dafür zu bezahlen. Ein Zusammenbruch des Systems steht bevor.

HEIDELBERG. „Wenn die Bundesregierung die geplante Novelle der Verpackungsverordnung weiter verzögert, werden im ersten Quartal 2008 die gelben Tonnen und Säcke an der Straße stehen bleiben", warnt Johannes-Jürgen Albus, Vorstandschef des börsennotierten Kölner Entsorgungskonzerns Interseroh.

Albus bestätigt damit die Einschätzung von Stefan Schreiter, dem Vorstandschef des Dualen Systems Deutschland (DSD). Der Lizenzgeber des Grünen Punktes mahnt seit Monaten neue Gesetzesregelungen an, um Trittbrettfahrern bei der Verpackungsmüll-Entsorgung das Handwerk zu legen.

Der zunehmende Wettbewerb beim Grünen Punkt führt inzwischen dazu, dass Abfallkontrolleure in Deutschland den Überblick verlieren. Angeblich, so berichten Branchenexperten, nutzen immer mehr Konsumgüterhersteller den Grünen Punkt auf ihren Verpackungen, ohne dafür zu bezahlen. „Seit Jahresanfang haben sich die angemeldeten Mengen an Verkaufsverpackungen um fünf bis sechs Prozent reduziert“, berichtet Albus. An rückgängigen Verkaufszahlen liege dies kaum, glaubt er, schließlich habe sich die Menge der Transportverpackungen sogar leicht erhöht. Transportverpackungen wie LKW-Kartons, Paletten oder Einkaufstüten sind – anders als Verkaufsverpackungen – von der Rücknahmepflicht befreit und tragen daher keinen Grünen Punkt.

Das Problem der steigenden Zahl von Trittbrettfahrern hat der Gesetzgeber längst erkannt. Seit einem Jahr schon bastelt das Umweltministerium an der Novelle der Verpackungsverordnung, die Konsumgüterhersteller gesetzlich verpflichten will, sich einem der konkurrierenden Rücknahmesysteme anzuschließen. So genannte Selbstentsorgerlösungen, mit denen sich mehrere Drogerieketten vor dem Grünen Punkt drücken, sollen nach dem Wunsch von Umweltminister Sigmar Gabriel bald der Vergangenheit angehören.

Erhebliches Störfeuer kommt aber aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Während im Hause von Michael Glos zunächst kartellrechtliche Bedenken geäußert wurden, setzt das Berliner Ministerium nun auf eine skurrile Verzögerungstaktik. So hat der fränkische CSU-Politiker bei dem Staatsrechtsprofessor Michael Uechtritz ein Verfassungsgutachten in Auftrag gegeben. Es soll klären, ob auch Brötchentüten Verpackungen sind, die mit dem Grünen Punkt gekennzeichnet werden müssen. Die wenig überzeugende Begründung des Bundeswirtschaftsministers: die Grüne-Punkt-Pflicht könnte dem mittelständischen Bäckerhandwerk schaden. Branchenbeobachter vermuten dagegen, Glos wolle mit der Hinhaltetaktik den Selbstentsorgungsdienstleister Belland Vision aus dem mittelfränkischen Pegnitz vor dem Aus bewahren. Die Folgen der zunehmenden Trittbrettfahrer-Zahl hat laut Albus der Kunde zu zahlen. „Wir werden unsere Entsorgungspreise entsprechend um fünf bis sechs Prozent erhöhen müssen, um unseren Deckungsbeitrag zu halten", kündigte er gestern in Heidelberg an. Die Zusatzkosten für die Verpackungsrücknahme geben die Hersteller üblicherweise über höhere Supermarktpreise an die Verbraucher weiter. Trittbrettfahrer allerdings könnten ihre systemtreuen Konkurrenten damit bald im Supermarktregal unterbieten.

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