Zusammenschluss naht
Neuer Tüv-Konzern vor dem Start

Die Fusion der beiden Prüfkonzerne Tüv-Nord und Tüv-Süd rückt immer näher. Ein Abschluss könnte bereits in den kommenden Wochen erfolgen, heißt es in Branchenkreisen. Damit entstünde der größte deutsche Prüfkonzern. Weltweit wäre das Unternehmen sogar die Nummer zwei. Doch die Fusion gestaltet sich als schwierig. Die Tüv-Konkurrenten lauern schon.

MÜNCHEN. „Die Gespräche laufen“, bestätigten Sprecher des Tüv-Süd und des Tüv Nord am Donnerstag, ohne weitere Details zu nennen. Denn ein Zusammenschluss beider Organisationen ist kompliziert, obwohl sie als Aktiengesellschaften organisiert sind. Beide Unternehmen werden von Aufsichts- und Verwaltungsräten sowie Gesellschafterausschüssen kontrolliert. Das System repräsentiert die jeweils rund 15 000 Mitglieder der Vereine. Diesem breiten Kreis aus Mittelständlern und Großunternehmen gehören letztlich die Tüv-Konzerne.

Die Kräfteverhältnisse sind ungleich verteilt. So ist der Tüv-Süd mit 1,2 Milliarden Euro Umsatz nicht nur doppelt so groß wie der Partner aus dem Norden, er ist auch deutlich profitabler. Schon deshalb geht die Branche davon aus, dass der Sitz des neuen Unternehmens wohl nach München verlagert wird. Offen ist die Frage der Führungsspitze. Beide Konzernchefs sind erst seit kurzem im Amt. Guido Rettig übernahm den Tüv-Nord Anfang 2006, Axel Stepken hat im Juni 2007 den langjährigen Tüv-Süd-Chef Peter Hupfer abgelöst. Und schließlich fehlt noch ein neuer Unternehmensname.

Die Zeit drängt, denn der Markt ändert sich rasant. In den vergangenen Jahren sind viele Monopole der technischen Überwachungsvereine gefallen, unter anderem die allgemeine Fahrzeugkontrolle. Am 1. Januar 2008 wird schließlich schrittweise das Industriegeschäft in Deutschland geöffnet. Dann dürfen auch andere Organisationen „überwachungsbedürftige“ Industrieanlagen wie Fahrstühle, Fertigungsanlagen oder Kraftwerke prüfen und zertifizieren. Allein in Deutschland wird das Geschäftsvolumen auf eine Milliarde Euro jährlich geschätzt, in Europa ist der Markt rund fünf Milliarden Euro schwer.

Die Tüv-Konkurrenten lauern schon. Der Weltmarktführer SGS aus der Schweiz hat ebenso seinen Markteintritt angekündigt wie Bureau Veritas aus Frankreich. Die schärfstens Wettbewerber kommen aber aus Deutschland. Neben dem Tüv-Rheinland will vor allem die Stuttgarter Dekra einen großes Stück vom Kuchen. „Wir greifen flächendeckend an, mit dem Ziel, Marktführer in diesem Bereich der Industrieprüfung zu werden“, sagte Dekra-Chef Klaus Schmidt Ende Mai. Bereits jetzt wachsen die Stuttgarter schneller als die Tüv-Gesellschaften.

So will der neue Tüv-Konzern neue Geschäftsfelder und neue Märkte erschließen. Die Münchener haben einen dritten Unternehmensbereich gegründet („Mensch“), der Weiterbildung, Gesundheits- und Arbeitsschutz anbietet. Im Industriegeschäft versucht sich der Tüv-Süd gezielt auf den Bereich Chemieanlagen zu konzentrieren und hat nach dem Kauf der Eigenkontrolle der Bayer-Werke eine eigene Chemietochter gegründet.

Das neue Tüv-Konglomerat will aber vor allem im Ausland punkten. Denn mit der zunehmenden Verlagerung von Fertigungen nach Osteuropa und China wächst der Bedarf von Produktionsüberwachungen und Fertigungen vor Ort. Andere sind hier schon weiter: Während die Dekra und der Tüv-Rheinland bereits 40 Prozent ihrer Erlöse im Ausland erzielen, sind es bei Tüv Süd erst 25 Prozent, beim Tüv-Nord nur zehn Prozent.

Das soll sich zumindest bei den Münchenern in den kommenden Jahren ändern. Mitte August hat der Tüv Süd den Großauftrag für die flächendeckende Fahrzeugkontrolle in der Türkei endgültig gesichert. Unter dem Namen Tüv-Turk werden die Deutschen mit türkischen Partnern eine flächendeckende Fahrzeugkontrolle von Istanbul bis zur irakischen Grenze aufziehen. Der Tüv-Süd hofft auf Anschlussaufträge aus dem arabischen Raum.

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