Wallraff entdeckt als Paketbote „moderne Sklaverei“

Zustelldienst GLS
Wallraff entdeckt als Paketbote „moderne Sklaverei“

Wieder einmal schlich sich Günter Wallraff unter falschem Namen bei einem Unternehmen ein. Diesmal war der Paketzusteller GLS an der Reihe, wie er nun verriet. Dort werde „Menschenschinderei mit System“ betrieben.
  • 66

DüsseldorfDer Enthüllungsjournalist Günter Wallraff war mal wieder unter falscher Identität unterwegs. Dieses Mal heuerte der 69-Jährige beim europaweit tätigen Paketzusteller GLS an, der seinen deutschen Hauptsitz im hessischen Neuenstein hat. Dort begann er zunächst als Beifahrer in einem Auslieferungsfahrzeug. Nach mehrmonatigen Recherchen und Undercover-Einsatz prangert der 69-jährige Schriftsteller „Menschenschinderei mit System“ an. Es müssten staatliche Kontrollen gegen Logistikkonzerne eingeführt und Strafen verhängt werden.

„Ich habe dort an verschiedenen Standorten mitgearbeitet und recherchiert - und habe Arbeitsbedingungen festgestellt, die körperlich, nervlich und finanziell ruinieren“, sagte der Autor am Mittwoch in Düsseldorf. „Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt.“ Mehrere tausend Menschen seien betroffen, vor allem jüngere und männliche Beschäftigte. Wallraff recherchierte für das Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" sowie für RTL.

„Es geht um prekäre Beschäftigung, um Dumpinglöhne von drei bis fünf Euro pro Stunde, um 14-Stunden-Einsätze bis zur totalen Erschöpfung, um nicht bezahlte Überstunden, um Schlafdefizite, die Unfälle provozieren können, um Drangsalierung.“ Arbeitsschutzgesetze würden klar missachtet, Pausen seien kaum möglich. „Gegenüber den Behörden werden manipulierte Angaben gemacht.“

Die unzumutbaren Praktiken erfolgten „mit Wissen des Konzerns und mit System“, betonte der Autor. Es handle sich um eine Form von Scheinselbstständigkeit, in die Menschen gedrängt würden, „die keine Wahl haben und die erst mal einfach froh sind, irgendwie in Arbeit zu kommen.“ Die Konditionen seien schwer durchschaubar, auch was etwa die Risiken bei Unfall oder Krankheit betreffe.

In der GLS-Germany-Zentrale in Neuenstein weist man inzwischen die Vorwürfe über Ausbeutung zurück. Es handele sich um eine „einseitige und verkürzte Berichterstattung“, erklärte das Unternehmen am Donnerstag nach der Ausstrahlung der TV-Doku bei RTL. „Die GLS Gruppe akzeptiert keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen. Wir legen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die im Rahmen der Gesetze gestaltet wird“, hieß es in der Stellungnahme. Der Geschäftsführer von GLS Germany, Klaus Conrad, und Rico Back als Chef der Gruppe mit Sitz im Amsterdam „bedauerten“ den Bericht.

Auf eine Anfrage des „Zeit-Magazin“ antwortete GLS: „Die Transportunternehmen werden bei der Erledigung von Transportaufträgen von GLS grundsätzlich zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen verpflichtet.“

Nach Wallfraffs Einschätzung ist der Konzern nicht der einzige, der Dumpinglöhne zahlt und Verstöße gegen arbeitsrechtliche Regelungen bewusst in Kauf nimmt. „Bei mir häufen sich Zuschriften von vielen Betroffenen aus den unteren Hierarchie-Ebenen, aber auch von Managern, die diese Zustände nicht mehr verantworten wollen.“

Wallraffs GLS-Doku auf RTL
Seite 1:

Wallraff entdeckt als Paketbote „moderne Sklaverei“

Seite 2:

„Viele werden total ausgebeutet“

Kommentare zu "Wallraff entdeckt als Paketbote „moderne Sklaverei“"

Alle Kommentare
  • Wo bleibt die Aufsicht und die Kontrolle dieser Unternehmen? Wir brauchen in Deutschland dringend einen einheitlichen Mindestlohn, wie dieses Beispiel wieder deutlich zeigt.
    Setzt an bei den Unternehmen, die sich unseriöser Paketdienste bedienen. Dort tut es GLS am meisten weh und so hat man gewiss den größten Wirkungsgrad des Protestes gegen dieses Sklavensystem.

    B. z. B

  • Schön und gut so lange aber ein Sklave keine Alternative hat, mithin also finanziell unabhängig vom Arbeitssklavenmarkt ist, muss er irgendwie Geld verdienen und sich buchstäblich verkaufen. Und das wissen die Zecken in den Unternehmen ganz genau - im Gegenteil, sie lachen über diejenigen, die bei diesem perfiden Ausbeutersystem mitspielen müssen und dabei zu Grunde gehen. Ich erinnere daran, Straßenlaternen sind nicht nur als Lichtquelle sondern auch anderweitig verwendbar...

  • Und das ist nur die Spitze vom Eisberg.
    Hier geht es um die brachiale Ausbeutung von Menschen , die für Dumpinglöhne von 3 bis 4 € die Std arbeiten sollen.
    Selbst 7 € sind eine Zumutung, weil man automatisch zu 10 Stunden und mehr regelrecht gezwungen wird seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
    Macht diesen Aasgeiern von DHL, GLS, Hermes und Co endlich ein ENDE!!!
    Übrigens sollte man auch mal bei den sogenannten Kurierdiesnten ermitteln.
    Hier wird die gleiche Abzocke unter unmenschlichen Bedingungen seit Jahren betrieben und Niemand unternimmt dagegen etwas.
    Sobald ein armes Schwein aufmuckt, kommt am nächsten Tag ein neues armes Schwein.

  • Wenn das viele so machen, dann zeigt das vielleicht auch Wirkung.
    Eine Bekannte von mir hatte ein Paket von 1&1 nicht angenommen, weil es mit GLS kam. Nach langem hin und her hat 1&1 den Vertrag storniert.
    Meine Bekannte hat übrigens bei GLS gearbeitet.

    Vielleicht sollten Unternehmen wie 1&1 sich überlegen, mit wem sie zusammenarbeiten, und wen sie als ihren "Logistikpartner" bezeichnen.

  • Nun hat Herr Wallraff die deutsche Sklaverei „aufgedeckt“. Es mag vielleicht abgehoben klingen, aber sind die von Wallraff angetroffenen Kuriere nicht eher gefügige Sklaven? Auch Sklaverei lebt vom Mitmachen. Mal abgesehen davon, dass wir in Deutschland keinen Pharao haben, hat meines Erachtens das alte Ägypten genauso funktioniert: Sorge dafür, dass einer viel zu verlieren hat und dann gib ihm Pflichten. Er läuft! - oder im konkreten Fall: Er fährt! Man kann schlimmer unter Sklaverei leiden.
    Es ist zwar allgemein bekannt, dass der Mensch mit seinen Aufgaben wächst. Weniger populär ist es aber, dass er an seinen Ansprüchen vergeht. Er macht sich oft Gedanken darüber, was ihm vom Tier unterscheidet. Ich meine, es ist die Philosophie. Vielleicht sollte sich der Mensch, vor allem auch der Deutsche, aber öfter mal fragen, was ihn von einer Maschine unterscheidet - insbesondere einer Maschine mit Schlitz für den Geldeinwurf.

  • Bin über einen Subunternehmer bei DHL Express beschäftigt, da sind genau die gleichen Zustände.
    Vor allem in der Expresssparte wird zu 100 % über Subunternehmer gearbeitet.
    50-60 Arbeitsstunden die Woche sind normal. Wenns doch mal weniger wird muss man noch zusätzlich Sonderfahrten machen!

  • Wie einige meiner Vorredner halte ich einen Boykott am Sinnvollsten!

    1. Insolvenz
    2. Raus aus der Schuldenspirale
    3. Bei UPS/DHL anfangen.

    Bevor die Sub-Sub-Sub... Unternehmer immer weiter in die Schuldenfalle geraten.

    Da ist selbst Hermes besser !

  • Eben diese Rentner sind die Schuldigen! Solange sich jemand findet, der für diese Almosen arbeitet, wird diese Praxis legitimiert. Die Leute werden ja immerhin nicht mit vorgehaltener Waffe gezwungen, die angeprangerten Bedingungen zu akzeptieren.

  • Ein Boykott ist leider die einzige Möglichkeit !
    Wie sonst soll man dem Einhalt gebieten ?

    Ja dann werden die Fahrer ihren Job verlieren,
    aber dann können sie woanders anheuern.
    Die, die sich zu einer Scheinselbstständigkeit drängen ließen sind natürlich gekniffen.
    Private Insolvenz ist da die letzte Möglichkeit.
    Die 6 Jahre gegen auch vorbei !
    Aber anders geht es nun mal nicht.

    Bei anderen Paketdiensten witrd auch mit harten Bandagen gekämpft - Stimmt.
    Da kann man als Verbraucher nur das kleinste Übel wählen!

    Der Anteil an Subunternehmern ist meines Wissens bei DHL am geringsten.

  • Das Geschäftsgebaren ist zutiefst unethisch und unchristlich.
    Unternehmen die ihre Aufträge an GLS übergeben sollten das nicht akzeptieren. Man denke auch an die Auswirkungen der Insolvenzen, sowohl für die Sub Unternehmer als auch der treuglaubenden Spritlieferanten der Tankstelle, Leasingfirmen etc. Da werden Hartzfälle ohne Perspektive produziert indem diese Transportfirmenhülsen nur an der Kasse sitzen und kassieren. Das Elend der Verarmten wird der Allgemeinheit hinterlassen. Wir sollten direkt mehr für den Transport zahlen, dann bleibt den Menschen die Verzweiflung erspart und die haben diese bei ihrem Arbeitseinsatz sicher nicht verdient.

Serviceangebote