Zweite Hauptverwaltung 238 Städte buhlen um Amazon und seine Milliarden

Hoffen auf Amazon: Ganz Nordamerika steht Kopf und fiebert einem Zuschlag als zweites Hauptquartier des Online-Riesen entgegen. Gleich 238 Städte haben sich beworben. Doch das Mammutprojekt ist auch höchst umstritten.
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Chicago soll mit Amazon einem Subventions- und Anreizpaket von 2,25 Milliarden Dollar locken, Steuern erlassen und würde teilweise Gebäude und Grundstücke verschenken. Quelle: Reuters
USA

Chicago soll mit Amazon einem Subventions- und Anreizpaket von 2,25 Milliarden Dollar locken, Steuern erlassen und würde teilweise Gebäude und Grundstücke verschenken.

(Foto: Reuters)

San FranciscoAmazon hat gerufen und 238 Städte und Gemeinden aus 45 Bundesstaaten, Provinzen oder US-Territorien haben geantwortet, wie das Unternehmen nun mitgeteilt hat. Sie alle haben rechtzeitig zum Stichtag am 19. Oktober ein Gebot abgegeben, um den Zuschlag für die zweite Zentrale des Onlineriesen zu bekommen. Der Sieger, gemessen an den Ausschreibungsunterlagen, wird im kommenden Jahr bekanntgegeben.

Bedingungen waren unter anderem ein internationaler Flughafen, mindestens eine Million Einwohner, eine gebildete Arbeiterschaft (funktionierendes Schulsystem) und ein leistungsfähiges Massentransportsystem.

Detroit sieht eine Chance zum Imagewandel

Es ist ein Mammutprojekt, und es ist umstritten. Das Versprechen lautet bis zu fünf Milliarden Dollar an Bauinvestitionen und 50.000 „gut bezahlte“ Jobs in der Stadt der Wahl. Jeder Dollar, den Amazon in Seattle investiert hat, hat zudem zu weiteren 1,40 Dollar Investitionen im Umland geführt, rechnet der Onlinehändler vor.

Von Boston über Atlanta und dem Spielerparadies Las Vegas bis zur Pleitestadt Detroit und dem sturm-verwüsteten Puerto Rico haben sich zahlreiche Städte beworben. In letzterem könnte Amazon sprichwörtlich bei Null anfangen und alles nach eigenen Erwartungen aufbauen. Allerdings fehlt auch viel der Infrastruktur.

Detroit sieht eine Chance, aus der Abhängigkeit der angeschlagenen Automobilindustrie zu entkommen und viele der Industrieregionen der Stadt zu neuem Büroleben zu erwecken.

Dabei geht es vor allem um viel Geld. Chicago etwa soll mit einem Subventions- und Anreizpaket von 2,25 Milliarden Dollar locken, Steuern erlassen und teilweise Gebäude und Grundstücke verschenken, sollte Amazon kommen, meldet die „Chicago Sun Times“. New Jerseys Gouverneur Chris Christie bietet neun Milliarden Dollar, um das zweite Hauptquartier nach Newark bei New York City zu locken. Aus Kanada und Mexiko haben sich je drei Provinzen beworben.
Der Bieterwettstreit nahm dabei auch bizarre Züge an. Stonecrest in Georgia bietet beispielsweise an, gleich den Stadtnamen in „Amazon“ umzubenennen und Jeff Bezos per Gesetzesänderung auf Lebenszeit zu einer Art ungewähltem König zu ernennen.

Philadelphia hat eine eigene Delegation nach Seattle entsandt, um dort mit Stadtvertretern zu reden, wie das so ist, wenn man mit oder unter Amazon lebt. Andere Städte haben sich öffentlich aus dem Rennen verabschiedet, wie etwa Little Rock in Arkansas. Die Stadtverantwortlichen buchten sogar eine ganze Seite in der Washington Post, um ihren Sinneswandel zu dokumentieren. Nachdem sie „vollkommen begeistert“ gewesen waren, hätten sie noch mal gründlich nachgedacht, was aus ihrer beschaulichen Stadt werden würde. Und nein, sie glaubten nicht, dass sie das wirklich wollten.

Einkaufen ohne Kassen und Warteschlangen
Die neue Amazon-Idee
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Nie mehr Schlange stehen, sondern mit dem vollen Einkaufswagen einfach aus dem Laden laufen: Das verspricht eine neue Idee des Onlineriesen Amazon – ein Supermarkt in Seattle mit dem Namen „Amazon Go“.

Sensoren erkenne die gewählten Produkte
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In Seattle im US-Bundesstaat Washington präsentierte der Konzern am Montag den Prototyp eines Supermarkts, in dem Kunden alles mitnehmen können, ohne eine Kasse zu passieren. Die in dem rund 170 Quadratmeter großen Laden eingebaute Technologie „erkennt automatisch, wenn Produkte aus den Regalen genommen werden“, erklärte das Unternehmen. Sensoren ermöglichen es dem Kunden also, die gewünschten Produkte auszusuchen und dann mit einer App über ihre Amazon-Konten abzurechnen

Der Kassenzettel wird nachgereicht
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Nur beim Betreten des Ladens muss das Smartphone am Eingang gescannt werden. Beim Verlassen des Geschäfts werde der Einkauf dann über einen virtuellen Warenkorb abgebucht. „Wenn du mit dem Einkaufen fertig bist, kannst du das Geschäft einfach verlassen“, erklärte das Unternehmen. Anschließend werde das Amazon-Konto des Kunden mit dem entsprechenden Betrag belastet und ein Kassenzettel verschickt. Angeboten werden Grundnahrungsmittel wie Brot und Milch, Fertiggerichte und Kochboxen mit Zutaten für bestimmte Gerichte.

Hier darf nicht jeder rein
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Allerdings darf nicht jeder in den neuen Supermarkt. Vorerst können nur Angestellte des Konzerns, der in Seattle seinen Hauptsitz hat, Amazon Go nutzen.

Ab 2017 für alle Kunden geöffnet
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Anfang 2017 soll der Laden, der auch frische Menüs anbietet, dann für alle anderen Kunden geöffnet werden. Ob weitere Filialen geplant sind, war zunächst unklar.

Amazon erobert die analoge Welt
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Amazon bietet in den USA und London bereits den Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh an. Dabei handelt es sich um eine für 15 Dollar pro Monat erhältliche Zusatzoption für Abonnenten des jährlich 99 Dollar kostenden Prime-Service. Zudem betreibt Amazon in Seattle seit dem vergangenen Jahr bereits einen Buchladen; weitere Standorte in anderen Städten sind angekündigt. Laut „Wall Street Journal“ will der Konzern außerdem in den nächsten Wochen testweise zwei Drive-in-Läden eröffnen, ebenfalls in Seattle.

Druck für die traditionellen Kaufhausketten
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Sollte sich der Onlinekonzern dazu entscheiden, im großen Stil ins Supermarktgeschäft einzusteigen, würde dies erheblichen Druck auf traditionelle Lebensmittelhändler und Kaufhausketten wie Wal-Mart ausüben. Bislang kaufen die meisten Verbraucher die Dinge des täglichen Bedarfs bei solchen Anbietern ein.

Die meisten der Rückzieher fürchten neben dem milliardenschweren Subventionsrennen massive Auswirkungen auf den Immobilienmarkt, explodierende Mieten und kollabierenden Nahverkehr, wenn 50.000 Amazonier zusätzlich in kurzer Zeit die Stadt stürmen.

Wer könnte das Rennen machen? Moody’s Analytics hat sich die größten Metropolen der USA angesehen und kommt zu dem Schluss, dass Austin, Texas, die besten Voraussetzungen erfüllt. In dem bekannten Technologiehub sind bereits Dell angesiedelt, IBM und die zweitgrößte Apple-Niederlassung. Außerdem sind die Lebenshaltungskosten weit günstiger als im Silicon Valley. Nicht zu vergessen: Whole Foods, die jüngsten Milliarden-Akquisition, hat ihre Zentrale in Austin.

Von den sieben Bundesstaaten, die sich entschlossen haben, nicht am Biet-Wahnsinn teilzunehmen, ist nur bei einem eigentlich ziemlich klar, warum man sich wohl zurückgehalten hat: Arkansas. In Bentonville, Arkansas, hat der weltgrößte Einzelhändler und schärfste Amazon-Gegner sein Hauptquartier. Walmart. Da wollte man wohl nicht mit dem Feuer spielen.

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