Handelsblatt-Energietagung: Digitales Defizit

Handelsblatt-Energietagung
Digitales Defizit

Kaum eine Branche ignoriert digitale Potenziale so konsequent wie die Energiewirtschaft. Bleiben Eon, RWE & Co. der Linie treu, droht ihnen das Schicksal der Musikindustrie – IT-Konzerne könnten sie überflüssig machen.
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BerlinWas ist eigentlich die größte Herausforderung, der sich die Energiewirtschaft in den nächsten Jahren stellen muss? Für Susanna Zapreva ist die Antwort eindeutig. „Für mich ist das zentrale Thema die Digitalisierung“, sagte die Vorstandschefin der Stadtwerke Hannover. Der Grund: „Digitalisierung greift in alle Bereiche hinein und das über alle Wertschöpfungsketten hinweg“, erklärte Zapreva auf der 24. Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft in Berlin.

Egal, ob Energiekonzern, Kommunalversorger oder Newcomer: Die Antworten der heimischen Stromwirtschaft in Bezug auf die Digitalisierung ähneln sich bis ins Detail. Jeder will das Thema erkannt haben, investiert in Start-ups, tourt durchs Silicon Valley und besucht allerhand Innovations-Kongresse. In der energiewirtschaftlichen Praxis ist von dem Kulturwandel in den Köpfen allerdings kaum etwas zu erkennen. Im Gegenteil. Es lässt sich sogar sagen: Kaum eine Branche behandelt das Thema Digitalisierung so stiefmütterlich wie die heimische Energiewirtschaft.

Die Unternehmensberater von Oliver Wyman attestieren der heimischen Stromgilde in einer neuen Studie ein „digitales Defizit“ und immensen Nachholbedarf. Die etablierten Energieversorger würden die Chancen, die durch die Digitalisierung entstehen „allenfalls ansatzweise ausschöpfen“, heißt es in der Analyse. Konkret hat Oliver Wyman den Grad der Digitalisierung der heimischen Energieversorger im Bereich Erzeugung, Netze und Vertrieb bewertet. Das Ergebnis: Auf einer Skala von null bis 100 erreichen Eon, RWE & Co. nur 31 Punkte – sie sind also nur sehr schlecht digitalisiert.

Dabei gibt es gerade im Sektor der Stromherstellung vielfältige Chancen, mithilfe digitaler Anwendungen, große Energiemengen zu managen. Detlef Neuhaus will das erkannt haben. Der Chef des Dresdner Solarmodul- und Energiespeicherherstellers Solarwatt ist überzeugt: „Das Geschäftsmodell, ich verkaufe Strom, ist das berühmte tote Pferd, auf dem wir reiten“. Eine Endkundenrechnung mit einer Auflistung von Kilowattstunden sei schlichtweg „nicht sexy“, sagte Neuhaus.

Der Manager mit dem grauen, akkurat nach hinten frisiertem Haar glaubt, dass künftig nur mehr jene Energieversorger Geld verdienen werden, die in der Lage sind, Volatilität gekonnt zu steuern. Denn mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien ändert sich die Struktur der Stromerzeugungsanlagen radikal.

Statt großen Kohle-, Gas-, und Atomkraftwerken prägen zunehmend kleine, dezentrale Windräder und Solaranlagen die energiewirtschaftliche Landschaft. Je mehr Anlagen im Markt sind, desto komplexer wird das Gesamtsystem – nicht zuletzt, weil die Sonne nachts nicht scheint und der Wind mal kräftiger, mal schwächer und manchmal gar nicht weht.

Künftig gehe es darum, sagte Neuhaus, den überschüssigen Ökostrom des einen, vorübergehend zu speichern und später selbst zu verbrauchen oder direkt dorthin zu leiten, wo andere die Energie abnehmen können. „Dafür brauchen wir die Digitalisierung“, erklärte der Solarmanager.

Christian Buchel stimmte Neuhaus zu. „Das Thema Digitalisierung ist eine riesige Opportunität, um zu verhindern, dass die Strompreise noch weiter steigen“, erklärte der Digitalchef des französischen Energieversorgers Enedis. Durch clevere, digitale Steuerungsmechanismen werde beispielsweise der Stromnetzausbau teilweise obsolet, sagte Buchel.

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