1 Bewertung ****
19.06.2008 
Standortentscheidung

Daimler made in Hungary

von Stefan Menzel

Fertigung im Werk Sindelfingen. Bald produziert Daimler auch in Ungarn. Foto: dpaLupe

Fertigung im Werk Sindelfingen. Bald produziert Daimler auch in Ungarn. Foto: dpa

Ausgerechnet Ungarn. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass Polen und Rumänien im Wettlauf um das neue Daimler-Werk für Osteuropa den Kürzeren ziehen würden. Die Auswahl von Kecskemét 80 Kilometer südlich von Budapest ist insbesondere ein Schlag ins Gesicht für die als Favoriten gehandelten Rumänen. In ihrem Land werden die niedrigsten Löhne der drei Standortkandidaten gezahlt. Und trotzdem hat sich der Daimler-Konzern für das teurere Kecskemét entschieden.

Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht ist Ungarn derzeit nicht unbedingt die erste Wahl. Aufgrund innenpolitischer Querelen musste die linke Regierung unter Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany einen ökonomischen Reformplan nach dem nächsten abblasen. Die Intentionen der Regierung waren prinzipiell richtig und gut, etwa im Gesundheitswesen und in der Bildung, wo der Regierungschef mehr marktwirtschaftliche Lösungen einführen wollte. Doch die Versuche sind im Parlament steckengeblieben. Gyurcsanys Koalition ist zerbrochen.

Auch wichtige gesamtwirtschaftliche Daten sprechen nicht gerade für einen Standort in Ungarn. Die Inflation liegt bei vergleichsweise hohen sieben Prozent, das Haushaltsdefizit der Regierung in Budapest wird dieses Jahr voraussichtlich eine Quote von 4,2 Prozent erreichen. Die Einführung des Euros ist damit in weite Ferne gerückt. Andere Osteuropäer wie etwa Slowenen und Slowaken haben den Euro bereits in der Geldbörse oder werden damit nächstes Jahr bezahlen.

Gyurcsany hat dafür seine Quittung bekommen: Im ersten Quartal ist das ungarische Sozialprodukt - völlig untypisch für die Länder Osteuropas - gerade einmal um 1,7 Prozent gewachsen. Sogar das tendenziell wachstumsschwache Deutschland konnte in den ersten drei Monaten des Jahres mit einem höheren Wachstum glänzen.

Und trotzdem entscheidet sich der Daimler-Konzern für Kecskemét. Die Stuttgarter haben ihre Gründe dafür. Natürlich spielen Subventionen bei einer solchen Standortauswahl eine wichtige Rolle, und Ungarn wird wahrscheinlich einen stattlichen Millionenbetrag auf den Tisch legen. Aber damit wird sich die Regierung Gyurcsany kaum von den Konkurrenten in Warschau und Bukarest unterscheiden. Finanziell alimentiert werden solche Standortentscheidungen bis an die Grenzen, die die EU in Brüssel erlaubt.

Für Ungarn spricht vor allem die automobile Erfahrung, die das Land in den bald 20 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhangs gesammelt hat. Opel zusammen mit dem Mutterkonzern General Motors, der japanische Autohersteller Suzuki und die VW-Tochter Audi sind mit ihren Werken in Ungarn hochzufrieden. Auch die meisten Zulieferer haben die Standortentscheidung für Ungarn nicht bereut. Das Ausbildungsniveau ist hoch, was gute Qualitätsstandards in den Fabriken erlaubt.

Aus Daimler-Sicht ist das ein gewichtiges Argument. Zum ersten Mal entsteht in Osteuropa ein großes Autowerk für Premiumfahrzeuge. Mehr als 100 000 Autos sollen in Kecskemét künftig von den Fließbändern laufen. Für einen Edelhersteller wie Daimler ist die Qualität besonders wichtig. Sie wäre an einem Standort in Rumänien vielleicht nicht in demselben Maße garantiert wie künftig in Ungarn. Und deshalb verlässt sich Daimler gern auf die ungarischen Arbeiter - und nimmt die etwas höheren Kosten im Vergleich zu Rumänien gern in Kauf. Zudem liegt das neue Werk auch näher an den bereits bestehenden Fabriken der Zulieferer. Das ist ebenfalls ein wichtiger Punkt für die Daimler-Produktionsplaner in Stuttgart.

Unabhängig von der konkreten Standortentscheidung für Ungarn hat das neue Daimler-Werk Symbolkraft für ganz Osteuropa. Dass dort erstmals in großem Stil Fahrzeuge einer der weltweit bekanntesten Automarken produziert werden sollen, ist ein großer wirtschaftlicher Erfolg.

Diese Entscheidung unterstreicht, dass die Länder Osteuropas bereits einen großen Teil des Weges bei der ökonomischen Aufholjagd gegenüber dem Westen hinter sich gebracht haben. Wenn Daimler mit einem eigenen Werk nach Ungarn geht, dann ist der Konzern davon überzeugt, dass sich die Menschen dort diese vergleichsweise teuren Premiumautos auch selbst leisten können - und nicht mehr nur mit einem alten Lada oder einem billigen Dacia unterwegs sind.

Die Stuttgarter gehen zwar zunächst nur mit den vergleichsweise kleinen Modellreihen der Mercedes A- und B-Klasse in das neue Werk. Aber eines scheint dabei ziemlich sicher: Wenn die Volkswirtschaften Osteuropas weiter wachsen, können eines Tages auch größere Autos in Kecskemét produziert werden. Ein Anfang ist also gemacht, die Aussichten sind gut.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Forum Diskussionen zu diesem Beitrag im Forum
  Alle anzeigen
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige