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24.11.2008 
Strategieschwenk in „Corporate America“

Die neue Angst vor „Chapter 11“

von Matthias Eberle

Einst Heilsbringer, heute Untergangs-Szenario: Der Gläubigerschutz des US-Konkursrechts funktioniert in der aktuellen Krise immer seltener. Schwergewichte wie General Motors fürchten, dass "Chapter 11" automatisch zu "Chapter 7" führt. Dann drohte die Liquidation einer Auto-Ikone.

NEW YORK. Der US-Autokonzern General Motors (GM) sträubt sich mit aller Macht dagegen, einen Insolvenzantrag nach Kapitel elf des US-Konkursrechts (Chapter 11) auch nur in Erwägung zu ziehen. Die Liquiditätsreserven des Traditionskonzerns gehen zwar mit rasanter Geschwindigkeit zur Neige, und eine rasche Staatshilfe ist nach der Niederlage im US-Kongress unsicherer denn je. Dennoch beharrt Vorstandschef Rick Wagoner auf seinem Standpunkt, ein Gläubigerschutzverfahren sei "keine Option".

Er warnt davor, dass Kunden im Insolvenzfall keine Autos von GM mehr kaufen und die Abwärtsspirale nur verschärfen würden. Schon im Vormonat hat GM 45 Prozent weniger Fahrzeuge abgesetzt als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. Außerdem, betont Wagoner, gebe es im Zuge der Kreditklemme derzeit keine Anschlussfinanzierungen mehr, um später den Gläubigerschutz verlassen zu können. Dann drohte "Chapter 7" - die Liquidation einer Auto-Ikone.

So wie GM denken immer mehr Konzerne in den USA. Für sie ist "Chapter11" - jahrelang als Heilsbringer in schier aussichtslosen Situationen gefeiert - heute nur noch ein Untergangsszenario. US-Großbanken sowie der New Yorker Versicherungsriese AIG haben sich deshalb direkt an Notenbank und Finanzministerium gewandt - mit der Drohung, ihr Konkurs werde die Finanzwelt erschüttern. GM, Ford und Chrysler fordern Staatshilfen an mit der Begründung, dass ein Brückendarlehen für die US-Regierung allemal günstiger komme, als Hunderttausende Arbeitslose von den Straßen Detroits aufzufangen.

Der Strategieschwenk in "Corporate America" hinsichtlich finanzieller Existenzfragen kommt überraschend, galt doch "Chapter 11" jahrelang als geradezu perfekte Lösung, die Firmensanierung mit einem Schuss Staatshilfe zu kombinieren. Fast alle großen US-Fluggesellschaften haben auf diesem Weg schon Ballast abgeworfen, gültige Verträge geschreddert und dabei milliardenschwere Pensionsverpflichtungen an den Staat weitergeleitet. Dabei führten sie ihr Geschäft weiter, als habe es nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 nie ein Finanzproblem gegeben. Auch Stahlkonzerne, Autozulieferer und viele andere Firmen nutzten den Gläubigerschutz, um ihre Kostenstrukturen international wettbewerbsfähig zu machen.

Die Schärfe der aktuellen Wirtschaftskrise wirft jedoch viele altbewährte Strategien über den Haufen, auch mit Blick auf Firmensanierungen. Die Wackelkandidaten der Wirtschaft sind genau wie die US-Regierung in einer Zwickmühle gelandet: "Chapter 11" führt tatsächlich immer häufiger zu "Chapter7", wie die jüngsten Liquidationen aus diversen Krisenbranchen zeigen. Staatshilfen allein seien aber auch keine Lösung, warnt Wirtschaftsprofessor Peter Morici von der University of Maryland. An die Mitglieder im Bankenausschuss des US-Senats gerichtet, betonte Morici kürzlich: "Sie sind nicht sehr gut beim Restruktukturieren von Unternehmen. Das ist der Grund, weshalb wir Konkursgerichte haben."

So könnte die höchst umstrittene Rettung der US-Autokonzerne schon bald ein neues Kapitel im US-Konkursrecht aufschlagen - eine Mixtur aus privatem Insolvenzverfahren und staatlicher Intervention. Alles laufe auf einen von der Regierung kontrollierten Konkurs hinaus, der aber nicht Konkurs genannt werden dürfe, schreibt das US-Magazin "Time": Gesucht werde fortan ein anderer Name für den Begriff "Bankrott".

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