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19.08.2008  | Aktualisiert 19.08.2008, 15:38 Uhr 
Chipindustrie

Forschung zählt

von Joachim Hofer

Unter den zehn größten Chipherstellern der Welt taucht lediglich eine Firma aus Deutschland auf: die ehemalige Siemens-Tochter Infineon auf Rang neun. Auf europäischer Ebene sieht es kaum besser aus. Neben Infineon schafft es mit dem französisch-italienischen Joint Venture ST Microelectronics nur ein einziger weiterer Konzern in die Spitzengruppe. ST belegt immerhin Platz fünf.

Im Vergleich zur Unterhaltungselektronik, wo europäische Anbieter im weltweiten Konkurrenzkampf schon lange von den Asiaten abgehängt wurden, ist das zwar noch ganz passabel. Doch Infineon und ST Microelectronics verlagern zunehmend die Fertigung, aber auch Forschung und Entwicklung nach Asien. Wenn sich der Trend so fortsetzt, dann wird die Bedeutung Europas für die Chipbranche in den nächsten Jahren dramatisch abnehmen.

Deutschland und Europa bleibt deshalb nichts anderes übrig, als die Halbleiterforschung noch stärker voranzutreiben, so dass die Firmen gar nicht um eine Zusammenarbeit mit den hiesigen Instituten herumkommen. Das funktioniert: Intel hat sich deswegen in Braunschweig niedergelassen.

Europa sollte vor allem seine Halbleiterkompetenz in Branchen wie Auto, Telekommunikation oder Maschinenbau fördern. Denn sie sind wichtige Abnehmer für die Chipanbieter. Solange die begehrtesten Automarken der Erde aus Europa stammen, müssen die Hersteller aus der ganzen Welt ihre Leute hierherschicken, müssen sie hier forschen und entwickeln. Diese Vorteile sollten die Europäer gezielt ausbauen, wenn sie die Branche nicht verlieren wollen.

Bislang reichen die Bemühungen nicht, um die Verlagerung nach Asien auszugleichen. Die großen europäischen Halbleiterhersteller, neben Infineon und ST sind dies Qimonda und NXP, kämpfen an vielen Fronten. Auf der einen Seite macht ihnen der schwache Dollar zu schaffen. Mit ihren Werken, der Forschung, aber auch der Verwaltung sind sie in Europa verankert. Das heißt: Ein großer Teil der Kosten fällt in Euro an. Die Chips allerdings werden in Dollar gehandelt. Das drückt Umsatz und Marge der europäischen Anbieter.

Doch das ist noch nicht alles. Viele Kunden aus der Elektronikindustrie sitzen in Asien und verlangen, dass ihre Zulieferer vor Ort sind - nicht nur mit einem Verkaufsbüro, sondern auch mit Fertigung und Entwicklung.

Es gibt noch einen Faktor, der nicht zu vernachlässigen ist. Für viele aufstrebende Länder ist die Chipindustrie besonders wichtig. Wer diese Hochtechnologie im Land hat, so das Denken in asiatischen Staaten, der hält den Schlüssel in der Hand, um die gesamte Elektronikbranche anzuziehen. Letztlich geht es darum, durch die Chipbranche Investoren zu locken.

Die Halbleiterbranche ist im Weltmaßstab eher klein: Vergangenes Jahr lag ihr Umsatz bei 270 Milliarden Dollar. Marktführer Intel kam auf 34 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der amerikanische Industriekonzern General Electric allein erreichte 173 Milliarden Dollar.

Doch der Umsatz allein ist nicht entscheidend, es geht auch um die Arbeitsplätze, die als Folge der Ansiedlung einer Chipfabrik entstehen. Deshalb versuchen Schwellenländer wie Malaysia, Indien oder China mit aller Kraft, die Chipkonzerne zu ködern: mit günstigen Löhnen, mit Technologieparks, mit Steuererleichterungen und allerlei Zuschüssen. Dass das Konzept aufgehen kann, zeigt Singapur. Der Stadtstaat hat mit dem Aushängeschild Chipindustrie in den vergangenen Jahren erfolgreich viele weitere Firmen aus der Elektronikbranche angelockt.

Es ist erst zehn Jahre her, da hat auch Deutschland in diesem Spiel mitgespielt, und mit dem Chiphersteller AMD hat sich ein Schwergewicht der Branche in Dresden angesiedelt. Zudem hat Infineon in der Stadt investiert. Im Umland entstanden Forschungseinrichtungen sowie Zulieferbetriebe.

Doch die Sachsen hatten Pech mit ihrer Ansiedlungspolitik, weil sie aufs falsche Pferd gesetzt haben. Infineon und AMD gehören zu den wirtschaftlich schwächsten Anbietern der gesamten Branche. Wie es mit den Werken und den Entwicklungsabteilungen an der Elbe weitergeht, ist offen. Wäre damals stattdessen Intel oder Texas Instruments gekommen, das "Silicon Saxony" stünde heute als gelungenes Beispiel von Industriepolitik da.

Dass sich ein großer Chiphersteller heute noch einmal wegen der Subventionen für Deutschland entscheidet, ist unwahrscheinlich. So viel wie die Asiaten kann und will hier niemand mehr auf den Tisch legen.

Aber Beispiele wie Intel in Braunschweig zeigen, dass die Branche durch Spitzenforschung in Deutschland gehalten und angelockt werden kann.

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