Zugegeben, es fällt schwer, das berühmte Licht am Ende des Tunnels oder Silberstreifen am Horizont zu entdecken. Selbst eine Hilfsaktion der Notenbanken und Regierungen kann die Märkte nur mit Mühe wenigstens zeitweise beruhigen. Zu dem Entsetzen über immer neue Horrormeldungen aus der Finanzbranche kommt die Wut auf die Banker, die dafür verantwortlich sind, gepaart mit der Enttäuschung, dass unser modernes Finanzsystem seine Versprechungen nicht hält. Panik ist spürbar: Bricht das System zusammen? Erleben wir eine Krise wie in den 30er-Jahren?
Versuchen wir, trotzdem ein paar Lichtreflexe zu erkennen. In einigen Jahren werden rückblickend vielleicht feststellen, dass in diesen Tagen die Wende zum Guten ihren Anfang nahm.
Erstens: Politiker und Notenbanker haben den Ernst der Lage begriffen. Selten wurde so zielstrebig über Partei- und Ländergrenzen hinweg um sachliche Lösungen gerungen wie zurzeit. Dass dabei in der Hektik nicht alles glatt läuft, darf niemanden erstaunen - das Gegenteil wäre ein Wunder.
Zweitens: Alles Tabus sind gefallen. Der Westen, angeführt von den USA, hat Jahrzehnte lang die Welt mit der These beglückt, dass der Staat Banken nicht helfen darf. Jetzt hat er sich ganz schnell davon verabschiedet, und das ist gut so. Alle Optionen sind auf dem Tisch, bis hin zur vollen Verstaatlichung von Banken. Die Staaten müssen jetzt darauf achten, dass sie bei den Rettungsaktionen neben Risiken auch Chancen für den Steuerzahler ergattern. Aber es gilt: Schnelligkeit geht vor Perfektion.
Drittens: Die Finanzkrise zeigt, ebenso wie schon die Börsenblase um die Jahrtausendwende, dass die Märkte keineswegs immer Recht behalten. Sie senden manchmal auch falsche Signale. Zurzeit sind einige Märkte völlig zusammengebrochen - das heißt aber nicht, dass alle Papiere, die früher dort gehandelt wurden, nichts mehr wert sind. Deswegen werden auch nicht alle Milliardensummen, die als staatliche Garantien gegeben oder für Käufe fauler Papiere verwandt werden, tatsächlich im schwarzen Loch verschwinden.
Viertens: Ja, der Kreislauf, in dem die Amerikaner den weltweiten Konsum anheizen und die Welt Amerika beliefert und finanziert, stockt. Eine Korrektur dieser Ungleichgewichte war aber überfällig. Sie bedeutet nicht, dass die Leute auf Dauer keine Autos kaufen oder keine deutschen Maschinen brauchen. Die Weltwirtschaft wird angesteckt von der Finanzkrise, sie ist aber keineswegs bis auf die Knochen krank.
Fünftens: Wir werden sehen, dass staatliche Hilfe für die Banken nicht die Abschaffung des Kapitalismus bedeutet - die Ängste der Neoliberalen sind ebenso unbegründet wie die Hoffnungen der Altlinken. Wir lernen aber, dass eine starke Bankenaufsicht den Kapitalismus stärkt und ihn nicht schwächt, wie uns die Bank-Lobbyisten eingeredet haben. Ja, es wird weitere Horrormeldungen geben, die Märkte werden weitere Schwächeanfälle erleben. Aber danach haben wir vielleicht eine globale Wirtschaft, die weniger vom Konsum eines einzigen Landes abhängig ist. Und eine Finanzbranche, die bescheidener, dafür aber gesünder daherkommt und aus der staatlichen Umarmung - nicht aus der strengen Aufsicht - entlassen werden kann.


