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22.08.2008 
Conti

Kritische Größe

von Christoph Hardt

Wenn deutsche Manager von "kritischer Größe" reden, dann meinten sie bis gestern eine Größe, von der an Unternehmen Synergien aus Wachstum erzielen. Seit dem frühen Morgen des 21. August 2008 hat der Begriff eine neue Bedeutung. Der Fall Conti belegt, dass Größe allein kein Rezept gegen Übernahmeattacken ist: Conti hatte "kritische Größe" erreicht.

Natürlich war von der industriellen Logik die Rede, als die Continental AG aus Hannover mit VDO die Autozuliefersparte der Siemens AG vor gut einem Jahr für 11,4 Milliarden Euro übernahm. Damals stand außer Frage, dass sich Conti - einer der notorischen Übernahmekandidaten im Dax - mit dem Zukauf vor allem gegen feindliche Attacken abzusichern gedachte. Der spektakuläre VDO-Kauf sollte die Krönung der Wachstumsstrategie von Vorstandschef Manfred Wennemer werden, der den Reifenhersteller zum weltumspannenden Komplettzulieferer formen wollte. Wennemer ist gescheitert. Er hat, klar und entschieden, wie es immer seine Art war, Konsequenzen aus einer Reihe von Fehleinschätzungen gezogen. Zum einen entpuppte sich die Übernahme der Siemens-Tochter als ausgesprochen schwierig. Vor allem aber rächte sich, dass Conti VDO auf Pump kaufte und dann in den Strudel der Finanzkrise geriet. So wurde, als hätte Daimler-Chrysler nicht Warnung genug sein können, Größe unter den verschärften Bedingungen turbulenter Märkte zur Schwäche. Die Conti-Aktie kollabierte, dann klopfte Schaeffler an.

Aber ist die Attacke des Familienkonzerns nicht noch verwegener? Mit Conti drehen die Schaefflers ein sehr großes Rad, ohne dass zunächst ersichtlich wäre, wo große Synergien locken. Erschwerend hinzu kommen die Zugeständnisse, die die Hannoveraner für den maßgeblichen Einfluss auf die Gruppe bekamen. So garantiert Schaeffler den Gewerkschaften den Bestand der Conti AG bis 2014.

Trotzdem spricht viel dafür, dass die Übernahme als langfristig angelegtes Projekt von Erfolg gekrönt sein wird. Gestützt auf ein Netzwerk, das zu den verschwiegensten der deutschen Industrie zählt, können die Franken einen der wettbewerbsfähigsten Zulieferkonzerne in der Weltspitze etablieren. Natürlich wird dies das Management aufs Äußerste strapazieren. Andererseits ist die Gruppe schon heute bestens versorgt mit der ganzen Breite industriellen Spitzen-Know-hows. Damit kann der neue Riese die bevorstehende Umwälzung in den Beziehungen zwischen Autoindustrie und Zulieferern gestalten. Von dieser großen Idee haben sich selbst die Gewerkschaften überzeugen lassen.

Als Conti-Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg vor zwei Jahren selbstkritisch auf die strukturelle Schwäche hinwies, welche die Transparenz großer börsenotierter Konzerne zur Folge hat, da konnte niemand ahnen, dass Schaeffler schon dabei war, Großes vorzubereiten. Die Conti-Übernahme markiert auch insofern eine Zäsur.

Die Freunde der Aktionärsdemokratie können das bedauern: Eine intransparente Familienholding sichert sich, alle Kapitalmarktinstrumente nutzend, heimlich entscheidenden Einfluss auf einen der 30 Dax-Konzerne. Nun, so ist der Wettbewerb. Die übrigen 29 werden, egal, ob der Gesetzgeber etwas unternimmt, künftig noch mehr tun, um Kurs und Kultur zu pflegen.

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