Benzin in den Adern lassen sich gestandene Manager wie Volkswagens
Konzernchef Martin Winterkorn oder General Motors
? Europa-Statthalter Carl-Peter Forster gern nachsagen. Gemeint ist eine Kombination von kindlichem Fahrspaß mit technischer Leidenschaft und dem Drang, schönere, schnellere und raffiniertere Autos als die Konkurrenten auf die Straße zu bringen.
Bald reichen diese Gaben nicht mehr, um Erfolg zu haben. Die Autobosse wetteifern auf einmal derart um das sparsamste und umweltfreundlichste Auto, als seien sie schon immer glühende Ökoaktivisten gewesen. Die Wahrheit ist schlichter: Damit ihnen nicht das Schicksal der Produzenten von Dampflokomotiven droht, müssen sie dem fossilen Brennstoff besser früher als später Ade sagen. Sie haben keine Wahl, die politischen Auflagen werden immer restriktiver. Es ist der Strom, der einmal mehr das Rennen um die Zukunft einer ganzen Branche entscheiden wird. Ob mit einem Verbrennungsmotor kombiniert oder pur - die Experten sind sich einig: Das Elektroauto fährt vor.
Das ist die Stunde der Zulieferer. Antrieb und Bremssystem des Autos werden absehbar elektrifiziert werden. Strommanagement und neue Batterien werden spätestens ab dem Jahr 2015 einen wesentlichen Teil der Wertschöpfung ausmachen. Das ist genau das Feld, auf dem sich Continental
nach dem Zukauf von VDO große Chancen ausgerechnet hat - und der Bereich, der dem Angreifer Schaeffler fehlt.
Noch gibt es ungeklärte Fragen. Es müssen starke und schnell zu ladende Batterien her, die bezahlbar sind und deren Gewicht vertretbar ist. Dann ist das Problem der Reichweite zu lösen. Umfragen in verschiedenen Industrieländern kommen zwar zum Ergebnis, dass der überwiegende Teil der Menschen nicht einmal 100 Kilometer pro Tag fährt. Das werden auch die meisten Elektromobile schaffen. Doch sagt der reale Weg nichts über die Sorgen des Fahrers aus, plötzlich stehenzubleiben. Das Elektroauto wäre nicht die erste Technologie, die an den Ängsten des Homo sapiens scheiterte.
Um Abhilfe zu schaffen, sind verschiedene Varianten denkbar. Ex-SAP
-Vorstand Shai Agassi will in Israel zeigen, dass ein Netz von Tauschstationen für Batterien praktikabel ist. Winterkorns VW
-Konzernforscher in Wolfsburg halten derlei Unterfangen in Flächenländern wie Deutschland für die Fantasie eines New-Economy-Veteranen und setzen stattdessen auf das Konzept des Plug-in-Hybrid-Antriebs: Das Auto soll in der Regel von einem Elektromotor betrieben und die Batterie komfortabel über ein drahtloses System geladen werden. Wird sie unterwegs leer, übernimmt ein verbesserter Verbrennungsmotor den Antrieb. Optimal ist auch das nicht, weil der Zusatzmotor das Gewicht erhöht.
Jammern ist keine Lösung: Gelingt es der Autoindustrie nicht, das Ende des Benzinzeitalters selbst zu steuern, wird sie zum fremdbestimmten Beifahrer von Politik, Gesellschaft und cleveren Unternehmern aus autofernen Branchen.
Europas Autobauer brauchen lediglich über den Atlantik zu schauen, um live zu erfahren, was es bedeutet, sich nicht rechtzeitig auf Veränderungen einzustellen. Die ehemals dominierenden drei - General Motors
, Ford
und Chrysler - dürften ohne fremde Hilfe kaum zu retten sein. Statt vorausschauend den Wandel zu erkennen, haben sie zu lange auf spritschluckende Limousinen und Geländewagen gesetzt.
Die Europäer bilden sich einiges darauf ein, den Klimawandel bei Politik und Verbrauchern früher erkannt und besser umgesetzt zu haben. Mit BMW
schwingt sich ein lange Zeit besonders PS-fixierter Hersteller zum Vorreiter der neuen Welle von Verbrauchs- und Abgasreduktion auf.
Doch das reicht nicht. Die Industrie muss den Epochenwechsel vom Benzin- ins Stromzeitalter aktiver und konsequenter angehen. Gerade die deutschen Hersteller haben immer wieder unter Beweis gestellt, dass sie Innovationen in Wettbewerbsvorteile ummünzen können. Abwehrgefechte wie beim Partikelfilter für Dieselmotoren haben dagegen nur der ausländischen Konkurrenz genützt.
Die Politik wiederum muss die Frage beantworten, wo der Strom für die Autos eigentlich herkommen soll - und die Debatte um die Atomenergie endlich sachlich führen.


