Mit einer Lohnforderung von bis zu acht Prozent segelt die IG Metall in diesem Jahr extrem hart am Wind der wirtschaftlichen Realität. Die Gefahr eines Mastbruchs ist so groß wie lange nicht. Selbst gewerkschaftliche Auguren bestreiten nicht ernsthaft, dass die Konjunkturaussichten inzwischen deutlich schlechter sind als vor Jahr und Tag. Trotzdem hält es die IG-Metall-Spitze für opportun, mit einer höheren Lohnzahl zu starten als im Boomjahr 2007.
Lohnpolitik hat aber eine Dimension mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Vordergründig geht es darum, zwischen zwei konträren Positionen einen Mittelweg zu finden, der sich als „gerecht“ und „wirtschaftlich vertretbar“ etikettieren lässt. Die wahre Herausforderung für Spitzenfunktionäre auf Arbeitgeber- wie Gewerkschaftsseite ist aber oft nicht das Gegenüber – sondern die Aufgabe, dem eigenen Lager zu vermitteln, was geht und was nicht.
Die Besonderheit der Metall- und Elektroindustrie liegt darin, dass die IG Metall dort theoretisch stark genug ist, fast jede denkbare Forderung durchzustreiken – nicht nur für einige Berufsgruppen oder Firmen, sondern für ein ganzes Konglomerat von Branchen. Das gilt aber nur kurzfristig. Jenseits der einzelnen Tarifrunde muss auch sie aufpassen, dass sie die Basis ihrer Stärke nicht zerstört. Die beruht auf der Bereitschaft von rund 5 000 Firmen, sich an einen Flächentarif zu binden.
Immerhin hat die Führung der IG Metall verschiedentlich der Versuchung widerstanden, überschießende Erwartungen im eigenen Lager weiter anzuheizen. Das betrifft etwa den starken Anstieg der Verbraucherpreise, der leicht ein Kampagnenthema hätte abgeben können. Trotzdem muss sich die Gewerkschaftsspitze fragen lassen, ob sie wirklich genug getan hat, um ihre Gefolgschaft auf einen realistischen Pfad einzuschwören.
Zwischen sinkenden Wachstumsraten und steigender Lohnforderung klafft noch immer eine eklatante Lücke. Und es fällt der IG Metall sichtlich schwer, sie durch Argumente zu schließen, die mit dem Flächentarif kompatibel sind. Hinweise auf gestiegene Managergehälter bei einigen Dax-Konzernen passen in einer stark mittelständisch geprägten Industrie nicht dazu – sie stellen eher den Tarifverbund infrage. Ebenso wenig passt der Hinweis auf starke Gewinnzuwächse in den Jahren bis 2007. Er wäre vielleicht geeignet, wenn es um variable Bonuszahlungen ginge statt um dauerhafte Tariferhöhungen für 2009 und die folgenden Jahre. Bleibt das alte Kaufkraftargument. Es wird aber nicht besser, wenn man es wie Bauschaum zum Kaschieren missglückter Maßarbeiten nutzt.
Eine Forderung ist noch kein Abschluss. Und umgekehrt ist eine Konjunkturabkühlung noch keine Strukturkrise der Metall- und Elektroindustrie. Daher bestehen weiter Chancen auf eine Tarifrunde, die Erwartungen und Risiken sinnvoll ausgleicht, etwa durch einen Vertrag mit einem hohen Anteil an Einmalzahlungen und variablen Elemente. Richtig ist aber auch: Je beliebiger die IG Metall ihre Forderung begründet, desto schwerer wird es für ihre Führung, die eigene Basis im auf einen solchen Kurs einzuschwören. Und das wäre enorm wichtig – damit nicht spätestens in der übernächsten Lohnrunde wieder tarifpolitisches Krisenmanagement nötig wird.


