In meinen 35 Jahren als Ökonom habe ich fünf Rezessionen und ungefähr ein Dutzend Finanzkrisen erlebt. Die aktuelle ist von einem ganz eigenen Kaliber.
Seit 14 Monaten erleben wir eine Kreditkrise. Seit dem 15. September aber sind die Zeichen unübersehbar, dass diese Krise in eine Panikphase eintritt. Der 2003 verstorbene Charles Kindleberger nannte das den "Moment der Abscheu" in einer Krise: flächendeckender, ansteckender Verkauf von Vermögenswerten, der die Banken dazu bringe, "keine Kredite mehr mit solchen Assets als Besicherung zu vergeben". Diese Angst treibt Investoren und Spekulanten dazu, zu verallgemeinern und viele für die Sünden weniger zu bestrafen. Es ist die gefährlichste Phase: Das Zusammenbrechen von Märkten und der damit verbundene Vertrauensverlust geraten in einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis.
Das Wichtigste, was ich über finanzielle Paniken sagen kann, ist, dass sie alle temporär sind. Sie sterben entweder an Erschöpfung oder werden von der schweren Artillerie der Regierungspolitik überwältigt. Das wirft die Frage auf: Was ist nötig, um die Panik zu beenden? Kindleberger hat es sehr klar dargelegt. Eine Panik schaukelt sich hoch, bis einer oder mehrere von drei Faktoren wirken: 1) Preise fallen so tief, dass Investoren die notleidenden Wertpapiere kaufen; 2) Börsen werden geschlossen; 3) Zentralbanken greifen ein. Leider ist bislang in dieser Hinsicht noch nicht viel geschehen.
Das trifft besonders auf die Reaktion der US-Finanzpolitik zu, das "Emergency Economic Stabilization"-Gesetz, das anfangs vom Repräsentantenhaus verworfen und ein paar Tage später angesichts einer drohenden Kernschmelze der Märkte angenommen wurde. Der Plan wird sicherlich den am wenigsten liquiden Teilen des Marktes helfen. In mehreren Schlüsselbereichen ist er aber mangelhaft.
Der ursprüngliche Paulson-Plan umfasste 700 Milliarden Dollar. Die Version des Kongresses sieht einen Anfangsbetrag von nur 250 Milliarden vor, der Rest wird in zwei Tranchen freigegeben. Eine muss der Präsident beschließen und die andere der Kongress. Während einer Krise sollte die Politik eher zum Overkill neigen, doch der beschlossene Plan neigt eher zum "Underkill".
Die Politik sollte auch direkt und unmissverständlich darauf zielen, versagende Märkte zu stabilisieren. Der originale Paulson-Plan von dreieinhalb Seiten tat das. Er hatte Schwächen, zielte aber klar auf nicht mehr funktionierende Hypotheken- und Kreditmärkte. Der Kongress hat mit einem Gesetzestext geantwortet, der mehr als 500 Seiten lang ist und unter anderem Regelungen über Optionsscheine teilnehmender Institute, Beschränkungen der Managergehälter, eine zusätzliche Versicherung und vier neue bürokratische Aufsichtsfunktionen enthält. Das verwässert und schwächt die Wirkung auf die Angst an den Märkten.


