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08.10.2008 
Japans Wirtschaft am Scheideweg

Realitätsschock auf der Insel der Seligen

von Finn Mayer-Kuckuk

Lange Zeit schien es so, als ob Japan unter der weltweiten Finanzkrise weniger leidet als die meisten anderen großen Industrienationen. Doch die Abhängigkeit zu den USA ist immer noch größer, als es die Japaner selbst gern wahrhaben wollen. Die japanische Wirtschaft befindet sich an einem Scheideweg.

TOKIO. Auf der Insel der Seligen „am äußersten Rande des Erdkreises“ herrscht ewiger Frühling, es sprudelt Nektar, die Bewohner ergehen sich im Lautenspiel. So erzählen es die griechischen Sagen. Die Japaner haben sich die Lage ihrer Inselkette anscheinend so ähnlich vorgestellt. Bis vor wenigen Tagen dachten sie, dass sich zwischen Hokkaido und Kyushu wenig ändert, während sich auf dem Globus eine Jahrhundertkrise ausbreitet. Der sensationelle Absturz des Tokioter Börsenindex Nikkei um knapp zehn Prozent zeigt, dass Nippon die Verbindung zur Wirklichkeit wiedergefunden hat.

Die Realitätsverweigerung mag an Japans Erfahrungen mit Wirtschaftskrisen liegen. Bisher dauerte es meist Monate, bis ein Konjunkturabschwung sich so richtig auf Toyota und Sony niederschlug. Und die Probleme breiteten sich eher von Asien kommend aus als umgekehrt von den USA her. Dazu kam, dass Japans Banken stabil dastehen und erst einmal wenig Anlass zur Sorge gaben. Außerdem wiegten sich die Japaner in falscher Sicherheit, weil sie den Slogan von ihrer „Abkopplung von den USA“ nach vielen Wiederholungen selbst glaubten.

Fakt ist aber, dass die USA gleichauf mit China ein gewaltiger Absatzmarkt für Sonys Fernseher, Toyotas Hybridautos und Toshibas Mikrochips sind. Im Kern hat sich nichts geändert. Wenn die USA husten, bekommt Japan eine Grippe. Wenn die USA mit Lungenentzündung im Krankenhaus liegen – wie soll Japan da gesund bleiben? Der Alternativmarkt China läuft bisher nur rund, weil er durch Direktinvestititionen aus dem Westen geschmiert wird. Geht es der Wirtschaft in Amerika und Europa schlecht, dann kippt auch das Reich der Mitte. Damit wären statistisch bereits 33 Prozent des japanischen Exports betroffen. Die Zahl steigt auf 100 Prozent, wenn man bedenkt, dass alle anderen Märkte ebenfalls schrumpfen, wenn diese Volkswirtschaften leiden.

Dieser realitätsnahen Einschätzung folgend, stießen Anleger aus dem In- und Ausland heute japanische Industriewerte ab. Denn der japanische Binnenmarkt kennt nach 17 Jahren Lohnzurückhaltung ebenfalls nur eine Tendenz: nach unten.

Daraus folgt, dass sich der Zeitpunkt zum Wiedereinstieg in Japan exakt vorhersagen lässt. Wenn aus Amerika wieder gute Nachrichten kommen, werden die Investoren zurückkaufen, was sie in diesen Tagen in Panik abstoßen. Kleine gute Nachrichten der kommenden Wochen werden moderate Nikkei-Steigerungen bringen. Eine echte Rückkehr der USA auf Wachstumskurs in den kommenden Jahren wird die Erholung in den Bereich von 14 000 Yen herbeiführen. Wer in Japan investieren will, muss bis dahin auf steigende Kurse warten. Es könnte sich lohnen. Im Kern sind die Nikkei-Großunternehmen gesund. Sie haben wenig Schulden, viel Eigenkapital und die weltweit meisten Top-Patente auf Mikroelektronik und Energiespartechnik.

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