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24.07.2008  | Aktualisiert 24.07.2008, 17:17 Uhr 
Ölkonzerne

Reich und geizig

von Siegfried Hofmann

Seit gut zwei Wochen sind die Ölpreise wieder auf dem Rückzug. Den goldenen Sommer der großen Ölkonzerne wird diese Entwicklung indessen kaum eintrüben. Ein kräftiger Ertragssprung im zweiten Quartal ist für die Branche bereits unter Dach und Fach, wie vor wenigen Tagen zum Beispiel die Zahlen des US-Konzerns Conoco-Phillips zeigten. Und solange die Preise nicht wirklich drastisch einbrechen, werden Exxon, Shell, BP & Co trotz Einbußen im Raffinerie- und Chemiegeschäft wohl auch im zweiten Halbjahr auf neue Rekorderträge zusteuern.

Wie groß der Preis- und Ertragsspielraum im eigentlichen Ölgeschäft ist, zeigt ein näherer Blick auf die Explorations- und Produktionssparten der führenden börsennotierten Ölkonzerne. Dieses sogenannte Upstream-Geschäft spielt gemessen am Umsatz zwar meist nur noch eine untergeordnete Rolle. Es ist dank seiner günstigen Kostenstrukturen aber die entscheidende Ertragsquelle.

So bewegen sich die reinen Förderkosten für Erdöl bei diesen Unternehmen derzeit zwischen sechs und zehn Dollar je Barrel. Die gesamten operativen Kosten der Upstreamsparten, einschließlich laufender Erschließungs- und Explorationsausgaben, addierten sich bei den Top Ten der Branche im vergangenen Jahr auf durchschnittlich etwas mehr als zwanzig Dollar je produziertem Barrel Öl und Öläquivalent. Bezieht man weitere Kosten, etwa für Konzernverwaltung, Zinsen und Reservezukauf mit ein, errechnet sich nach Einschätzung von Industrieexperten ein Aufwand von gut 30 Dollar je Barrel. Seit Anfang des Jahrzehnts dürften sich die Kosten zwar in etwa verdoppelt haben, was der Ölpreisanstieg jedoch weit überflügelte.

Der resultierende Anstieg der Margen bietet im Prinzip erheblichen Anreiz für einen Ausbau der Produktion und führte in den letzten Jahren auch bereits zu steigenden Investitionen. Insgesamt haben die Konzerne indes nach wie vor gute Gründe, in dieser Hinsicht behutsam zu agieren.

Denn zum einen sind sie längst nicht mehr die tonangebenden Akteure im Ölgeschäft. Diese Rolle haben die staatlichen Ölgesellschaften aus dem mittleren Osten und anderen wichtigen Förderländern übernommen. Rund 30 der 50 größten Ölproduzenten weltweit befinden sich heute ganz oder überwiegend in Staatsbesitz.

Der US-Branchenführer Exxon produziert gerade einmal drei Prozent des weltweiten Ölbedarfs und hat Zugriff auf weniger als ein Prozent der globalen Reserven. Die zehn führenden unabhängigen Konzerne zusammen stehen für etwa 18 Prozent Anteil an der Weltproduktion, wenn man die zuletzt publizierten Produktionsmengen sowie die Daten der jüngsten BP-Energy-Review zugrunde legt. Ihr Anteil an den globalen Reserven liegt zusammen bei weniger als fünf Prozent. Zudem droht sich ihre Position weiter zu verschlechtern, wie etwa die Enteignungen in Venezuela und nun der Streit um den russischen Ölkonzern BP-TNK zeigen.

Die Konzerne müssen sich daher auf die schwierigen und langfristigen Explorations- und Erschließungsprojekte in den westlichen Ländern konzentrieren. Die Absatzpreise, die sie bei solchen Preisen einkalkulieren, dürften nach wie vor weit unter den aktuellen Ölpreisen liegen. Die entscheidende Gefahr für sie besteht insbesondere darin, dass staatliche Produzenten mit Zugriff auf kostengünstige Lagerstätten ihren Output wieder nach oben und damit die Preise nach unten treiben. Angesichts reiner Förderkosten von weniger als zehn Dollar je Barrel besteht in dieser Hinsicht erheblicher Spielraum.

Davon wird letztlich auch die Explorations- und Reservepolitik der großen Ölkonzerne beeinflusst. Die Reichweite ihrer Öl- und Gasvorräte ist seit Anfang des Jahrzehnts von mehr als dreizehn Jahren auf derzeit noch gut zwölf Jahre gesunken. Nimmt man den russischen Ölkonzern Lukoil aus der Rechnung heraus, entsprechen die sicheren Vorräte der Unternehmen im Schnitt noch elf Jahren, während auf globaler Ebene die derzeitigen Reserven gut 40 Jahre reichen.

Nicht zuletzt die Sorge, dass den Energieriesen das Öl ausgehen könnte, bremst ihre Bewertungen an der Börse. Andererseits spricht nicht nur das erhebliche Preisrisiko gegen allzu hektische Investitionen in die Exploration, sondern auch die derzeit starke Preisinflation bei Servicefirmen.

Hinzu kommt die Herausforderung, die Kapitalrenditen auf hohem Niveau zuhalten. Ähnlich wie für alle anderen Industrien ist es auch für die Ölriesen rational, die Mittelbindung im Anlage- oder Umlaufvermögen möglichst niedrig zu halten. Vor diesem Hintergrund ergibt es für sie wenig Sinn, heute schon nach Reserven zu suchen, die man erst in zwei oder drei Jahrzehnten aus der Erde holen und verkaufen kann.

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