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06.10.2008 
Hapag Lloyd

Seemannsgarn aus Hamburg

von Sönke Iwersen

In wenigen Tagen will Tui-Chef Michael Frenzel entscheiden, wer den Zuschlag für die Unternehmenstochter Hapag Lloyd erhält: die Reederei NOL aus Singapur oder ein Konsortium aus Hamburger Unternehmern und Politik. Wenn es um die Wahrung der eigenen Interessen geht, ist der Hansestadt kein Argument zu billig. Allen voran geht Wolfgang Peiner, ehemaliger Finanzsenator von Hamburg und heute Koordinator des Hamburger Konsortiums. Peiner warnt mit großen Worten vor dem Zuschlag an NOL: "Viele Menschen haben noch nicht verstanden, dass hinter NOL der autoritäre Stadtstaat Singapur steht. Singapur will dem Schifffahrtsstandort Hamburg das Wasser abgraben."

Schön wäre es, wenn Herr Peiner sich informieren würde, was eigentlich passiert, wenn nicht ein autoritärer Stadtstaat eine Reederei kauft, sondern ein Konzern. Hapag Lloyd zum Beispiel. Es ist ganze drei Jahre her, da verleibte sich ebenjene Hapag Lloyd, die Peiner nun schützen will, den Konkurrenten CP Ships ein. Canadian Pacific (CP) war nicht irgendeine Reederei. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert, in Kanada ist das Unternehmen eine Institution. Das hinderte die neuen Eigentümer nicht daran, sich bei CP Ships zu benehmen wie die Axt im Wald. Innerhalb von weniger als zwölf Monaten wurde die Zentrale in Montreal geschlossen und wurden 2 000 Arbeitsplätze gestrichen. In Deutschland verkaufte man dies als Erfolg.

Und das war es auch. Der Konsolidierungsdruck, der Zwang zur Größe, nimmt in der Schifffahrtsbranche nicht ab. Durch die Übernahme von CP Ships stieg Hapag Lloyd zur fünftgrößten Reederei der Welt auf, doch die Branchenführer Maersk (Dänemark), MSC (Schweiz) und CMA CGM (Frankreich) liegen noch immer weit vorn.

Das bringt Hapag in Zugzwang. Wer seinen Kostenapparat auf mehr Schiffe umlegen kann als die Konkurrenz, hat größeren Spielraum bei Preisgestaltung und Innovation. Eine Reederei braucht riesige Investitionen. Ein einziges Schiff kostet heute 100 Millionen Euro und mehr. Ein so finanzstarker Partner wie NOL bedeutet deshalb für Hapag Lloyd mehr Sicherheit als das Weitersegeln unter einsamer Flagge.

Für die Beschäftigten von Hapag Lloyd freilich hat diese Analyse wenig Beruhigendes. Bleibt ihr Unternehmen eigenständig, kann es vielleicht schon in wenigen Jahren mit Maersk & Co. nicht mehr mithalten. Schlüpft es unter das Dach von NOL, steht die Schaffung von Synergien, sprich: die Einsparung von Arbeitsplätzen, an. Diese industrielle Logik freilich hat rein gar nichts damit zu tun, ob hinter NOL nun ein Staatsfonds steht oder ein Konzern, und noch weniger damit, ob Singapur ein autoritärer Staat ist oder nicht.

Sollte in Hamburg plötzlich die Devise herrschen, mit autoritären Staaten dürfe man keine Geschäfte machen, dann müsste die Hansestadt ihr Handelsvolumen drastisch einschränken. Jeder dritte Container, der in ihrem Hafen bewegt wird, kommt nämlich aus China.

Die Annahme, Hamburg könnte die Abfertigung von Containern an einen Demokratienachweis seiner Absender koppeln, ist genauso absurd wie die Behauptung von Ex-Finanzsenator Peiner, der ganze Hamburger Hafen würde geschwächt, sollte Hapag Lloyd von NOL übernommen werden. Denn weder der jetzige Eigner Tui noch ein möglicher Eigner NOL ordnet an, welcher Container wohin verschifft wird. Dies entscheiden die Kunden. Wer Autoteile oder Sportschuhe nach Osteuropa transportiert, der läuft Hamburg an. Die Unterstellung, NOL würde aus Prinzip sämtliche Container nach Singapur umleiten, ist hanebüchen.

Die Bundesregierung hat sich in der Debatte um Hapag Lloyd noch zu keiner Äußerung gegen NOL hinreißen lassen. Sie wird wissen, warum. Die Deutsche Bahn sucht händeringend nach ausländischen Investoren, damit ihr Börsengang klappt. Gerade in dieser Zeit passt die hanseatische Propaganda nicht ins Programm. Stattdessen unterhielt sich Finanzminister Peer Steinbrück jüngst mit dem chinesischen Staatsfonds CIC über einen Einstieg bei der Bahn, deren Chef Mehdorn meldete Anfragen aus Russland.

Wie autoritär die dortigen Regime sind, war offenbar nicht Gegenstand der Diskussion. Wenn das nur nicht der Herr Peiner aus der Hansestadt erfährt.

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