Ach, was hat es die deutsche Energiebranche doch schwer. Von den Verbrauchern sehen sich die Versorger als gierige Gewinnmaximierer beschimpft. Politiker bezeichnen Kohlekraftwerke als Klimakiller, und bei der Atomkraft heißt es immer noch: "Nein, danke". Dass an den hohen Preisen für Gas die Russen und für Öl die Araber schuld sind, will der Branche dagegen keiner glauben, und das Argument mit der Versorgungssicherheit zieht irgendwie auch nicht so richtig.
Ungerecht behandelt fühlen sich die Chefs von Eon
, RWE
und Co. genauso wie die Manager kleiner Stadtwerke, als Prügelknaben der Nation empfinden sie sich. Die Politik setze auf Populismus statt auf sachliche Auseinandersetzung. Und was setzt die Branche dem entgegen? Wer nicht in der Lage ist, seine Argumente pointiert und schlagkräftig zu vermitteln, muss sich über ein miserables Bild in der Öffentlichkeit nicht beklagen.
Symptomatisch ist die Absage von Jürgen Kluge, dem ehemaligen Deutschlandchef von McKinsey, für den Posten des Cheflobbyisten beim Bundesverband der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Das monatelange Gezerre um Kluges Bestellung offenbart, wie hart Deutschlands Versorger gegen- statt miteinander kämpfen und wie unfähig sie sind, ihre Kräfte zu bündeln.
Schwer genug fällt es schon, die Interessen der Großkonzerne in Einklang zu bringen. Eon
, RWE
, EnBW
und Vattenfall
belauern sich kritisch. Als RWE
-Chef Jürgen Großmann zu seinem Dienstantritt einen Energiepakt vorschlug, fühlte sich Eon
-Chef Wulf Bernotat übergangen - und konterte wenig später mit einer eigenen Initiative.
Endlich setzte sich bei den Branchenführern zwar die Erkenntnis durch, dass solche Alleingänge letztlich keinem nützen. Ein politisches Sprachrohr sollte her, eine vertrauenswürdige Persönlichkeit, möglichst branchenfremd, die in Talkshows der Öffentlichkeit erklärt, warum Preise so hoch sind und warum Deutschland auch Kohle- und Atomstrom benötigt. Bernotat, Großmann und EnBW
-Chef Hans-Peter Villis konnten dafür Kluge gewinnen.
Aber gerade die Tatsache, dass sich die Großen einmal einig sind, weckte das Misstrauen der Kleinen. Einflussreiche Kommunal- und Regionalversorger fühlten sich vor vollendete Tatsachen gestellt, fürchteten um ihre Pfründe und versuchten diese mit aufwendigen Konstruktionen im Präsidium zu wahren. Der BDEW ist eben ein bürokratisches Monstrum mit 1800 Mitgliedern - vom kleinen Stadtwerk bis zum Großkonzern. Im Vorstand sitzen kaum weniger als 100 Personen. Dabei achten auch die Vertreter der Wasserwirtschaft penibel darauf, gegenüber der Strom- und der Gasbranche nicht zu kurz zu kommen.
Bei allen Einzelinteressen haben die Mitglieder aber doch im Grunde ein gemeinsames Problem: Sie finden in der öffentlichen Debatte mit ihren Argumenten einfach kein Gehör. Steigende Energiepreise, Klimaschutz oder Atomkraft sind inzwischen solche Reizthemen, dass sie die Politik gerne und geschickt besetzt. Dabei weht der Branche nicht nur auf bundes-, sondern inzwischen auch auf landes- und sogar kommunalpolitischer Ebene ein scharfer Wind entgegen. Gegen das schlechte Image kämpfen nicht nur Großmann und Bernotat, sondern auch der Geschäftsführer des kleinen Stadtwerks auf der Schwäbischen Alb. Und es nützt der Branche wenig, in kleinen Klüngelrunden - ob im Kanzleramt oder mit dem Stadtrat - wieder und wieder Charts aufzulegen und die globalen Zusammenhänge zu schildern. Sie muss in der öffentlichen Debatte ihr Image verbessern.
Eine schlagkräftige Lobbyvertretung ist dabei nicht nur im Interesse der Energiebranche, sie ist im Interesse der gesamten Gesellschaft. Das Thema Energie - Preisentwicklung, Wettbewerb, Klimaschutz und Versorgungssicherheit - ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen überhaupt. Darüber muss sachlich und ideologiefrei diskutiert werden, um endlich ein schlüssiges und langfristiges Energiekonzept zu entwerfen. Dafür müssen sich neben Politik und Verbraucherschützern auch die Versorger Gehör verschaffen. Deshalb bleibt zu hoffen, dass die BDEW-Mitglieder nicht zur Tagesordnung übergehen. Mit Kluges Absage darf die Debatte über die Öffentlichkeitsarbeit nicht beendet sein.

