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04.06.2008  | Aktualisiert 24.06.2008, 13:08 Uhr 
Infineon

Strategie gesucht

von Joachim Hofer

Der ehemalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer ist in den letzten Monaten wegen der Korruptionsaffäre des Traditionskonzerns schwer ins Gerede gekommen. In der Diskussion über die Verstrickung des Managers in den Schmiergeldskandal geht aber meist völlig unter, dass von Pierer einige unternehmerische Glanzleistungen gelungen sind. Die Abspaltung der Halbleitersparte auf dem Höhepunkt des Börsenbooms Ende der 90er-Jahre war solch ein genialer Zug. Einerseits spülte der Erlös aus dem Börsengang viele Millionen in die Kasse von Siemens, andererseits mussten fortan private Investoren die Verluste tragen.

Zehn Jahre ist es inzwischen her, dass sich von Pierer zur Trennung von den Chips entschlossen hat. Aber noch immer ist Infineon, das Unternehmen, das damals aus der Siemens-Halbleitersparte entstand, nicht auf die Beine gekommen. Angesichts der jüngsten, tiefroten Zahlen mutet es heute fast wie ein Wunder an, dass es Infineon überhaupt noch gibt.

In diesen Tagen versucht sich das Münchener Unternehmen wieder einmal an einem Neustart. So wie schon vor vier Jahren, als der Conti-Manager Wolfgang Ziebart auf den umtriebigen, aber letztlich erfolglosen Ulrich Schumacher folgte. Doch auch Ziebart konnte den Absturz des zweitgrößten europäischen Chipkonzerns nicht stoppen. Jetzt darf sich mit dem langjährigen Infineon-Vorstand Peter Bauer der nächste Manager an der Sanierung des hochdefizitären Konzerns versuchen.

Die roten Zahlen werfen allerdings nicht nur ein schlechtes Licht aufs Management. Auch der Aufsichtsrat hat versagt. Der ehemalige Finanzchef von BASF, Max Dietrich Kley, führt das Kontrollgremium bereits seit 2002. Er hätte also genügend Zeit gehabt, Infineon in die richtige Richtung zu lenken.

Das Rezept, mit dem Bauer den todkranken Patienten jetzt endlich kurieren will, ist weder neu noch originell: Der Manager hat gestern vor Investoren und Analysten angekündigt, die Kosten nächstes Geschäftsjahr um einen dreistelligen Millionenbetrag zu senken. Wie das im Detail gehen soll, ließ der Manager aber offen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Konzentration auf eine Sparte denkbar

Mit niedrigeren Kosten allein wird aus Infineon sowieso noch kein erfolgreiches Unternehmen. Zu viele Sanierungsprogramme hat der Konzern hinter sich, zu oft sind die Unternehmensberater schon durch die Flure gezogen und haben nach Sparmöglichkeiten gesucht. Längst sind die meisten Randbereiche verkauft, schon lange hat der Vorstand das Tafelsilber verscherbelt. Die Sparwelle hat zudem tiefe Wunden hinterlassen. So mancher Ingenieur hat Infineon verlassen, weil Forschung und Entwicklung eingedampft wurden.

Angesichts der desolaten Lage ist es kein Wunder, dass schon seit Wochen über einen spektakulären Befreiungsschlag spekuliert wird. Infineon selbst will von tiefgreifenden Einschnitten zwar noch nichts wissen. Doch der Konzern schließt auch keine Option aus. Einerseits könnte Infineon sein Kerngeschäft durch eine größere Übernahme stärken. Konkurrent ST Microelectronics hat das gerade vorgemacht. Der französisch-italienische Konzern hat sein Mobilfunkgeschäft durch die Handysparte von NXP ergänzt. Angesichts der hohen Verluste sind Milliardenakquisitionen freilich nicht ganz einfach zu stemmen für die Münchener.

Andererseits ist denkbar, eine Sparte abzugeben und sich stattdessen nur noch auf ein Geschäftsfeld zu konzentrieren. Infineon würde dann vermutlich das lukrative Geschäft mit Autochips behalten. Die Einnahmen aus dem Verkauf der anderen Sparte könnte die Firma dann nutzen, um den Autobereich zu verstärken.

Nicht auszuschließen ist auch, dass der Konzern angesichts seiner niedrigen Marktkapitalisierung übernommen und dann filetiert wird. Das ist momentan jedoch eher unwahrscheinlich, weil diese Strategie für jeden Investor sehr risikoreich wäre und den Private-Equity-Häusern in diesen Tagen das Geld für solche gewagten Deals fehlt. Was auch immer in den nächsten Monaten passiert, eins steht heute schon fest: Es kann nicht so weitergehen wie in den letzten zehn Jahren. Kein Unternehmen kann sich auf Dauer dermaßen hohe Verluste leisten.

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