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22.09.2008 
IT-Industrie

Trugschluss

von Jens Koenen

Marketing und Realität liegen häufig auseinander. Wie weit, das beweist die IT-Industrie. Seit Jahren schon verkündet die Branche einen Umbruch in der Finanzbranche. Die häufig noch selbst gestrickten Programme, sogenannte proprietäre Software, sollen sukzessive durch Standard-Software, den Maßanzug von der Stange, ersetzt werden. Die Bankenwelt, so die Hoffnung der High-Tech-Firmen, sollte neben dem Einzelhandel zum Umsatztreiber der Branche werden.

Doch heute wollen die IT-Chefs davon tunlichst nichts mehr wissen, werden die Finanzbranche als Klientel und deren Bedeutung für das eigene operative Geschäft kleingeredet. Kein Wunder: Der angekündigte Umbruch findet statt, nur eben nicht im Sinne der IT-Oberen. Reihenweise kippen große Häuser oder werden in eine Zwangsehe geführt.

Kein Problem, sagt die Branche. Ein gefährlicher Trugschluss. Natürlich sind die Lieferanten von Software, Hardware und Service heute global tätig. Kriselt es in den USA, kann das Geschäft in Asien und Europa die Delle vorübergehend besser ausgleichen als noch beim Platzen der IT-Blase vor einigen Jahren.

Doch eben nur vorübergehend. Die IT-Industrie ist global, die Finanzbranche aber längst auch. Die Annahme, Asien und Europa würden die Eruptionen in den USA abfedern, ist falsch und irreführend. Die Schockwellen werden alle Finanzplätze rund um den Globus erreichen, zwar zum Teil verspätet und in unterschiedlicher Stärke, aber doch spürbar.

Als Folge werden die Institute vorsichtiger investieren, auch beim Thema IT. Hinzu kommt die Infektion der Realwirtschaft, ebenfalls guter Kunde der High-Tech-Branche. Keine Frage: Der Winter für die IT-Industrie wird kommen. Und mit ihm die Erkenntnis, dass die These von der "immunen IT-Branche" nur eines ist: eine Mär.

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