100 Jahre Fresenius
So wurde aus einer Apotheke ein Weltkonzern

Der Medizintechnik-Konzern Fresenius wird 100 Jahre alt. Begonnen hat alles in einer Frankfurter Apotheke. Erst vor gut 30 Jahren begann der steile Aufstieg des Mittelständlers zum Weltmarktführer.
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FrankfurtDas Etikett der „Kaufmaschine“ mögen sie in Bad Homburg nicht besonders, doch die Firmengeschichte von Fresenius spricht eine deutliche Sprache. Bereits der Einstieg in das später so erfolgreiche Geschäft mit Nierenwäschen begann 1966 mit der Übernahme des Vertriebs ausländischer Produkte. Entscheidenden Schub brachte die Entwicklung eigener künstlicher Nieren, die seit den 80er-Jahren das Blut der Patienten mit synthetischen Polysulfonfasern reinigen.

Angefangen hatte alles in der Frankfurter Hirsch-Apotheke, deren Inhaber Eduard Fresenius am 1. Oktober 1912 damit begann, auf eigene Rechnung Injektionslösungen oder die Nasensalbe „Bormelin“ herzustellen. Nach dem Tod des Gründers 1946 übernahm dessen nicht mit ihm verwandte Ziehtochter Else Fernau, später verheiratete Kröner, die bereits 1933 nach Bad Homburg verlagerte Produktion. Die examinierte Pharmakologin konzentrierte sich zunächst auf die Produktion von Infusionslösungen und blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 in leitenden Positionen des Unternehmens, zuletzt als Vorsitzende des Aufsichtsrats.

Die Polysulfonfaser-Technologie ist heute Industrie-Standard bei künstlichen Nieren und brachte das seit 1986 an der Frankfurter Börse notierte Unternehmen in die Lage, 1996 in den USA den rund doppelt so großen Mitbewerber National Medical Care übernehmen zu können. Unter der Ägide des langjährigen Fresenius-Vorstandschefs Gerd Krick entstand die Tochter Fresenius Medical Care (FMC). Der Weltmarktführer für Nierenwäschen und das dafür notwendige Zubehör ist bis heute nach Marktkapitalisierung von knapp 17 Milliarden Euro wertvoller als der Mutterkonzern, der mit rund 30 Prozent Anteilen aber bei FMC weiterhin das Sagen hat.

Auch die ursprüngliche Infusionssparte ist seit Kröners Zeiten über Zukäufe mächtig aufgerüstet worden. Seit der Übernahme der internationalen Infusionssparte von Pharmacia&Upjohn im Jahr 1998 firmiert die Sparte unter der Bezeichnung Kabi. Über die Jahre ist sie mit weiteren, teils milliardenschweren Zukäufen zum europäischen Marktführer für Infusionstherapien und klinische Ernährung gewachsen. Auch intravenös zu verabreichende Arzneimittel gehören zum Angebot. Der Kabi-Umsatz betrug 2011 knappe vier Milliarden Euro.

Das Wachstum ist zwar weitgehend fremdfinanziert, aber auf der anderen Seite durchaus nachhaltig. Sechs bis neun Prozent selbst erwirtschaftetes Wachstum verlangt Fresenius-Chef Ulf M. Schneider von den Bereichen. 1990 lag der Fresenius-Umsatz erstmals über einer Milliarde D-Mark, im Jubeljahr 2012 soll er laut Prognose deutlich über 18 Milliarden Euro steigen. Die Tochter FMC will rund 14 Milliarden US-Dollar erlösen. Weltweit arbeiten rund 160 000 Menschen für die Unternehmen.

Ein erster Kratzer an der bis dahin makellosen Wachstumsstrategie des Harvard-Absolventen Schneider ist die im Sommer von der Konkurrenz verhinderte Übernahme des Rhön-Klinikums. Mit der Übernahme der Nummer zwei auf dem privaten Krankenhausmarkt in Deutschland wäre die ohnehin schon führende Fresenius-Tochter Helios mit weitem Abstand zum größten und vor allem flächendeckenden Krankenhauskonzern Deutschlands geworden – mit glänzenden Aussichten auf weitere Übernahmen öffentlicher und kirchlicher Häuser. Im vergangenen Jahr hatten sich die Berliner große Kliniken im schleswig-holsteinischen Damp und in Duisburg einverleibt.

Seit 2008 ist der Verschuldungsgrad des Mutter-Unternehmens gemessen am Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen zurückgeführt worden mit einem Ausreißer im ersten Quartal dieses Jahres. Brutto stehen mehr als zwölf Milliarden Euro Schulden in den Büchern, gut die Hälfte davon in Dollar. Trotz magerer Bewertungen durch die Rating-Agenturen genießt Fresenius das Vertrauen der Anleger, die auch über Anleihen immer wieder Geld für neue Zukäufe zur Verfügung stellen.

Im Dax gelten die beiden Fresenius-Werte mit konstant steigenden Dividenden als Rettungsanker für konjunkturelle Krisen. Auch die Kursentwicklung machte den Anlegern in den vergangenen Jahren durchaus Freude. Die weltweite Zunahme von Zivilisationskrankheiten lässt auch weiterhin gut laufende Geschäfte erwarten.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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