1 800 Entlassungen
VW schafft Fakten in Brasilien

Volkswagen steht in Brasilien mit dem Rücken zur Wand: Der Autobauer muss seine Auslandstochter dringend sanieren, weil sie rote Zahlen schreibt. Doch Gewerkschaften und Regierung stellen sich quer, denn tausende Arbeitsplätze gingen verloren. Ungeachtet der Proteste hat VW nun die ersten Entlassungen ausgesprochen – ein Affront, der sogleich zu Konsequenzen führte.

HB BRASILIEN. Nur einen Tag nach einem Treffen mit Regierungsvertretern in Brasilia schickte die Führung des deutschen Autoherstellers am Dienstag die ersten 1 800 Kündigungsschreiben an Mitarbeiter der Fabrik Anchieta im Bundesland Sao Paulo. Die Arbeiter des größten und ältesten der fünf VW-Werke in Brasilien traten daraufhin aus Protest ab der Abendschicht in einen unbefristeten Streik. Die Arbeitsniederlegung sei auf einer Versammlung von 10 000 der insgesamt rund 12 400 Arbeiter und Angestellte der Fabrik beschlossen worden, erklärten Gewerkschaftsführer. Pikant: Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva war selbst einmal Funktionär der Metallgewerkschaft in der Region.

„Volkswagen hat sich entschieden, gegen seine Arbeiter zu kämpfen“, sagte der Präsident der regionalen Metall-Gewerkschaft, Jose Feijoo. „Das wird ein harter Kampf werden.“ In Anchieta laufen 960 Autos pro Tag vom Band, darunter der Kompaktwagen Fox. Ein eintägiger Warnstreik in drei Werken hatte im Mai zu einem Produktionsausfall von 2&nsbsp;500 Autos geführt.

Die Entlassungen sollen den Angaben zufolge am 21. November wirksam werden. Im Mai hatte VW do Brasil bekannt gegeben, dass im Rahmen der Umstrukturierung rund 6 000 der insgesamt 22 000 Stellen im südamerikanischen Land gestrichen werden. Allein in Anchieta sollen rund 3 600 Arbeitsplätze dem Rotstift zum Opfer fallen. VW droht sogar mit der kompletten Schließung des Werkes, sollten die Gewerkschaften weiter querschießen. Wie an den westdeutschen Standorten bietet der Autobauer den Beschäftigten Abfindungen an.

Staat friert Kredite ein

Erst am Montag hatte die brasilianische Regierung den Druck auf Volkswagen durch die vorläufige Einstellung der Vergabe staatlicher Kredite erhöht. VW solle zunächst für eine Lösung des Konflikts sorgen, sagten Arbeitsminister Luiz Marinho und der Präsident der staatlichen Entwicklungsbank, Demian Fiocca. Man werde die Freigabe eines bereits zugesagten Kredits in Höhe von 497 Mill. Real (etwa 185 Mill. Euro) vom Ausgang der Verhandlungen zwischen der Firmenspitze und den Gewerkschaften abhängig machen. Allein seit 2003 erhielt VW staatliche Kredite in Höhe von insgesamt rund 2,2 Mrd. Euro.

VW do Brasil schreibt seit langem Verluste, die sich zu einem Milliardenbetrag summiert haben sollen. Probleme gibt es vor allem wegen der Aufwertung der Währung Real, die den Export verteuert. Der Real ist im vergangenen Jahr 14 Prozent gegenüber dem Dollar gestiegen und weitere 7 Prozent im Verlauf diesen Jahres. Unter anderem kommt der Kleinwagen Fox aus Brasilien; die ohnehin dünne Marge des weniger als 10 000 Euro kostenden Autos wird durch den ungünstigen Wechselkurs aufgefressen. Auch gestiegene Rohstoffkosten schlagen negativ zu Buche.

Es kommen eigene Fehler hinzu: Der Konzern überschätzte die Inlandsnachfrage, baute zeitweise die falschen Modelle für den Markt und kann wegen einer Beschäftigungsgarantie auf Marktveränderungen nicht flexibel genug reagieren. Diese Garantie läuft am 21. November aus. In einem der drei PKW-produzierenden brasilianischen Werke hat VW bereits eine Einigung mit den Arbeitnehmern über den Personalabbau erzielt.

VW do Brasil erwartet frühestens 2007 wieder Gewinne – vorausgesetzt, die Sanierung greift.

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