20 Jahre nach dem Sandoz-Brand
Wundersame Wandlung

Es ist kurz nach Mitternacht am 1. November 1986, als die Werkfeuerwehr des Basler Chemieproduzenten Sandoz den Brand im Lagergebäude 956 entdeckt. Das vergiftete Löschwasser fließt in den Rhein und vernichtet mit einem Schlag alles Leben im Fluss. Es ist ein Image-Desaster für die Branche, doch die Unternehmen haben verstanden.

FRANKFURT/ZÜRICH. Die Feuerwehrleute hatten damals sofort Großalarm ausgelöst, nachdem sie die Flammen aus dem Hallendach hatten schlagen sehen. Die Kollegen vom benachbarten Ciba-Geigy-Werk sind die ersten Helfer, danach rollt mit Blaulicht und Martinshorn die Muttenzer Ortswehr heran, die Prattelner, schließlich die Berufsfeuerwehr aus Basel. 160 Feuerwehrleute kämpfen gegen den Brand. Um 3 Uhr 41 müssen sie ihre Machtlosigkeit eingestehen. Im benachbarten Lagerhaus liegt das Atemgift Phosgen. Das Risiko, dass das Gift in die Luft gelang, steigt von Minute zu Minute. Der Katastrophenstab löst Chemiegroßalarm in Basel und Umgebung aus: Die Basler sollen in ihren Häusern bleiben und die Fenster geschlossen halten.

Um die Katastrophe zu vermeiden, erhält die Feuerwehr den Befehl, den Brand um jeden Preis zu löschen. Sie pumpen enorme Mengen Löschwasser in die Flammen. Um kurz vor fünf Uhr ist das Feuer aus, die Katastrophe jedoch nicht mehr aufzuhalten: Das Phosgen gelangt zwar nicht ins Freie, dafür spült das Löschwasser tonnenweise giftige Chemikalien, darunter Quecksilber, aus der abgebrannten Lagerhalle über das Abwasser-Kanalsystem in den Rhein. Biozide sind mit roter Farbe markiert, worauf sich das Wasser des Flusses blutrot verfärbt. Der Fischbestand im Rhein wird völlig zerstört, Trinkwasser ist aus dem Fluss nicht mehr zu gewinnen.

Aus dem lokalen Brand war eine Katastrophe von europaweiter Dimension geworden – und ein Imagedesaster, das nicht nur die Schweizer Chemiekonzerne in Mitleidenschaft zog. Auch für die deutsche Branche war der Fall Sandoz – zehn Jahre nach dem verheerenden Seveso-Unglück – gewissermaßen ein zweiter Weckruf, der seine Wirkung in den Folgejahren nicht verfehlte. Vor allem das Thema Gewässerschutz rückte nun auf die Agenda und veranlasste die deutschen Konzerne zu deutlich steigenden Investitionen in Anlagensicherheit und Umweltschutz.

Zwanzig Jahre später demonstriert die Branche auf diesen Feldern längst wieder Selbstbewusstsein. Allenfalls noch ganz sporadisch gerät sie mit Störfällen in die Schlagzeilen. „Ein solches Unglück wie bei Sandoz könnte heute nicht mehr passieren“, zeigt sich Manfred Ritz, Sprecher des Verbandes der Chemischen Industrie, überzeugt. Eindrucksvolle Statistiken in den Broschüren der Verbände untermauern, wie stark die Branche den Ausstoß von Schadstoffen und giftigen Abwässern reduziert hat. Der Fall Sandoz hat daran indirekt maßgeblichen Anteil.

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