2004 wird das Jahr der Entscheidung: Golf, Astra und Focus eröffnen den Kampf um die Kompaktklasse neu
Opel fordert VWs Bestseller heraus

Die Karten in der für die großen Autokonzerne so wichtigen Kompaktklasse werden in den kommenden Monaten neu gemischt: Mit dem fünften VW Golf und dem dritten Opel Astra treten in wenigen Wochen auf der Automobilschau IAA in Frankfurt die neuen Versionen der beiden wichtigsten Kompaktmodelle des deutschen Marktes gegeneinander an.

FRANKFURT/M. Zur Premiere schlagen nicht nur die Herzen vieler Autofreunde höher. Auch die Manager der Autokonzerne blicken gebannt nach Frankfurt. Denn die Erfolge dieser Modelle entscheiden wesentlich darüber, wie es in den Kassen der Firmen in den kommenden Jahren aussehen wird: Die Kompaktklasse ist das volumenstärkste Segment. So gehört beispielsweise nach Erhebungen des Kraftfahrt-Bundesamtes in Deutschland jedes vierte Auto in diese Kategorie. Entsprechend groß sind das Lampenfieber und der Ehrgeiz der Entwickler.

In der Pole-Position steht dabei der Golf V. Er wird bereits kurz nach der IAA im September 2003 in den Schauräumen der Händler stehen. Erst gut ein halbes Jahr später ist der Verfolger aus Rüsselsheim zu kaufen, der dritte im Bunde, der Ford Focus, folgt dann im Herbst des kommenden Jahres.

Klarer Sieger nach Punkten war in der Vergangenheit der Klassiker aus Wolfsburg. Von den rund 22 Millionen Exemplaren, die Volkswagen seit den Siebzigern unter dem Golf-Label verkauft hat, können Opel und Ford mit den Konkurrenzprodukten Astra und Focus nur träumen. Auch in Deutschland liegt der Golf inklusive der Stufenheckversion Bora mit einem Marktanteil von rund einem Drittel in seiner Klasse unangefochten vorn.

Erst ein Blick auf die Europa-Zahlen offenbart die Spannung des Rennens: 2002 führte der Golf die Verkaufsliste mit rund 600 000 Exemplaren an, der Astra lag mit mehr als 450 000 Autos in Reichweite – aber nur auf Rang vier. Denn der Ford Focus kam 2002 auf 530 000 verkaufte Autos, und auch der Peugeot 307 schob sich vor den Astra. Bei den weltweiten Produktionszahlen hat der Focus durch seinen Erfolg in den USA 2002 den Golf sogar überholt, schreibt das Marktforschungsinstitut Marketing Systems.

Wie wichtig das Auto für VW ist, belegen zwei Zahlen, die Analysten der WestLB errechnet haben: Mehr als jedes dritte verkaufte Auto der Marke Volkswagen ist ein Golf; rund ein Fünftel der aus dem Autogeschäft stammenden Erträge des Konzerns in den vergangenen zehn Jahren hat der Bestseller eingefahren – allerdings nimmt die Tendenz stark ab.

Auch bei Opel und Ford ist der Unternehmenserfolg wesentlich an den Erfolg in der umkämpften Kompaktklasse gekoppelt, in der auch der französische Peugeot-307-Konkurrent Renault mit dem mutig gestylten Mégane ein Wort mitreden will – und wo ab 2004 der 1er von BMW mitmischen wird.

Einen Führungswechsel wird es in Deutschland nach Ansicht von Experten dennoch so schnell nicht geben: „In Deutschland wird niemand den Golf von der Spitze verdrängen“, sagte Ulrich Winzen von Marketing Systems. Aber: „In Europa könnte sich das Modell Golf durch die zunehmende Diversifizierung vom ersten Platz verabschieden.“

Dem Golf Anteile abzujagen ist schließlich erklärtes Ziel von Opel: „Der Designsprung beim Astra ist radikaler als beim Golf. Wir müssen auch mutiger sein als der Wettbewerb. Schließlich wollen wir neue Kunden erobern“, sagt ein Sprecher. Opel-Chef Carl-Peter Forster bläst ins gleiche Horn: „Wir wollen die bisherigen Verkaufszahlen des Astra übertreffen.“ Nach Meinung von Christoph Stürmer, Analyst bei Dri Automotive, stehen die Chancen dafür gut: „Der Astra hat im Vergleich zur vergangenen Generation sicher das größere Potenzial, auch weil die Basis niedriger ist. Der neue Golf kann auch wegen der Konkurrenz im eigenen Haus – Beispiel Touran – kaum noch zulegen.“

Die Rüsselsheimer Autobauer rechnen sich deshalb für den neuen Angriff auf den Golf bessere Erfolgschancen als früher aus. Denn auch technisch hat der Neuling einiges zu bieten. Erstmals soll es in dieser Klasse auf Wunsch ein adaptives Fahrwerksystem mit elektronischer Dämpferregelung geben, das eine besonders sportliche Fahrweise erlauben soll. Doch im Gegensatz zum Golf-Kunden müssen sich die Anhänger des neuen Astra noch deutlich länger gedulden – er soll zwar dem Golf auf der IAA das Rampenlicht streitig machen, wird jedoch erst Anfang 2004 bei den Händlern stehen.

Um dem Golf schon vor der Premiere das Leben schwer zu machen, ist Opel deshalb ein großes Risiko eingegangen: Rund ein drei viertel Jahr vor Verkaufsstart veröffentlichte das Unternehmen die offiziellen Fotos: „Die Folge ist, dass die Preise für das aktuelle Modell fallen“, sagt Dri-Automotive-Experte Stürmer. Dass die Rüsselsheimer es trotzdem gewagt haben, zeige ihr neues Selbstbewusstsein.

Doch auch die Wolfsburger sind selbstbewusst: „Wenn jeder Golf- Fahrer wieder einen Golf kauft, ist die Nachfrage groß genug“, heißt es dort.

Traditionell hat der Astra den Konkurrenten aus Wolfsburg im Preis stets unterboten. Im Zusammenspiel mit der Aufholjagd von Opel und Ford bei Design und Qualität könnte damit der Druck auf VW durchaus steigen.

Branchenexperten erhoffen sich von den neuen Massenmodellen die ersehnte Wende am deutschen Automarkt. So glaubt Ferdinand Dudenhöffer vom Prognose-Institut B&D- Forecast fest an den Aufschwung: „Der Umschwung kommt mit dem neuen Golf im Oktober.“ Gelänge Volkswagen eine „holperfreie Anlaufproduktion“, werde sich ein Golf-Effekt in der Zulassungsstatistik noch in diesem Jahr bemerkbar machen.

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