250. Geburtstag
MAN: „Als ungeeignet abzulehnen“

Zum 250. Geburtstag hat MAN seine Geschichte im Dritten Reich aufgearbeitet. Kaum ein Konzern trat gegenüber den Nazis selbstbewusster auf – zu Mittätern wurden seine Manager dennoch.

MÜNCHEN. Zwei Stunden Zeit nimmt sich der Herr Kommerzienrat, um mit seinem Gesprächspartner ins Geschäft zu kommen. Der Führer der NSDAP, fordert Paul Reusch, möge doch bitte dem Herrn Reichspräsidenten gegenüber mehr Respekt üben. Es sei nicht im Sinne der nationalen Sache, so der Industrielle weiter, wenn Adolf Hitler und Paul von Hindenburg bei der anstehenden Stichwahl zum Reichspräsidenten einander die Stimmen wegnähmen. Und die sozialistischen Parolen im Wahlprogramm solle der Herr Hitler lieber gleich ganz streichen: Er, der Kommerzienrat Paul Reusch, werde ihm, dem neuen Volkshelden Adolf Hitler, schon die richtigen Berater besorgen.

Als die beiden an jenem 19. März 1932 in München ihrer Wege gehen, ist Reusch davon überzeugt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Der Chef der mächtigen Gutehoffnungshütte (GHH) zu Oberhausen ist stolz auf den neuen "Burgfrieden", den er mit Hitler glaubt geschlossen zu haben. Der Politiker gibt sich konziliant, der Schlotbaron generös: Die "Münchner Neuesten Nachrichten" und weitere Blätter von Reuschs GHH-Konzern sollen ihre Opposition gegen die Nationalsozialisten beenden. Den Lagerwechsel verordnet Reusch seinen Redaktionen per Dekret. Das Entsetzen über die politische Naivität des Industriellen nützt den Journalisten wenig. Hitler tritt zur Stichwahl gegen Hindenburg am 10. April 1932 an und erhält 37 Prozent der Stimmen.

Ein Jahr später ist er Reichskanzler, und die halbe Redaktion der "Münchner Neuesten Nachrichten" sitzt im Gefängnis.

"Reusch hat sich von Hitler über den Tisch ziehen lassen", urteilt Professor Johannes Bähr, der im Auftrag des MAN-Konzerns die Geschichte der Gutehoffnungshütte und ihrer damaligen Tochter MAN aufgearbeitet hat. 624 Seiten hat das Werk, das der Historiker kommende Woche vorstellt und das dem Handelsblatt vorliegt. 250 Jahre Industriegeschichte hat Bähr für MAN aufgearbeitet, beginnend mit der Gründung der St.-Anthony-Hütte in Oberhausen 1758. Angestoßen hat das Projekt MAN-Chef Håkan Samuelsson persönlich. Bähr sei es gelungen, " ein realistisches Bild der sehr unterschiedlichen Epochen unserer Unternehmensgeschichte spannend zu beschreiben", lobt er.

Früh dran ist MAN mit seiner Aufarbeitung nicht gerade - 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Konzerne wie die Dresdner Bank, Daimler-Benz, Volkswagen, Allianz und Krupp waren schneller, auch Unappetitliches nach außen zu kehren. Aber es gibt auch langsamere: Erst vor wenigen Monaten hat die Industriellenfamilie Quandt einen Historiker mit der Aufarbeitung der dunklen Jahre des Batterieherstellers Varta beauftragt. Ergebnisse soll es frühestens in drei Jahren geben.

MAN hat für Bähr die Archive geöffnet. Für die Jahre 1918 bis 1945 fällt vor allem die widersprüchliche Rolle von GHH-Chef Reusch auf. Der Industrielle hofierte Hitler und finanzierte die Aufrüstung - und wurde aus Sicht des Regimes doch auch ein immer gefährlicherer Gegenspieler.

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