Abbott übernimmt Kos Pharmaceuticals
Biotech-Übernahmen auf Rekordkurs

Übernahmen im Biotechsektor steuern in diesem Jahr auf ein neues Rekordvolumen zu. Branchenkenner gehen davon aus, dass das Thema M&A in den nächsten Jahren noch weiter an Bedeutung gewinnen könnte.

HB DÜSSELDORF. „Vor allem die großen Pharmakonzern sind in dieser Hinsicht derzeit extrem aktiv“, sagte Ulrich Kinzel, Pharma- und Biotechexperte bei der britischen Investmentbank Nomura Code. Das wachsende Interesse an Zukäufen untermauerte am Montag der US-Konzern Abbott mit der Übernahme von Kos Pharmaceuticals, eines Spezialisten für cholesterinsenkende Mittel, für 3,7 Mrd. Dollar.

Insgesamt dürfte das Volumen von Biotech-Übernahmen nach Berechnungen des Handelsblatts im laufenden Jahr erstmals auf deutlich mehr als 30 Mrd. Dollar steigen und damit den Vorjahreswert um mehr als das Doppelte übertreffen. Maßgeblichen Anteil daran hat die 13,3 Mrd. Dollar teure Übernahme der Genfer Serono-Gruppe durch die Merck KGaA sowie die Komplettübernahme von Chiron durch Novartis. Darüber hinaus gab es aber auch zahlreiche kleinere Transaktionen. Auf der Branchenkonferenz BIO Europe war M&A gestern das zentrale Thema.

Wichtigster Motor hinter dem Übernahme-Boom ist nach wie vor der hohe Bedarf großer Pharmahersteller an neuen Produkten und Technologien. „Big Pharma produziert derzeit nicht genug neue Moleküle, um das bisherige Wachstum aufrecht zu erhalten“, so Branchenexperte Roger Longman, Partner des Informationsdienstes Windhover. Finanzstarke Konzerne wie Pfizer oder Glaxo-Smithkline haben inzwischen zweistellige Milliardenbeträge bereitgestellt für den Kauf weiterer Produkte oder Firmen. „Der Druck, Deals zu machen, ist enorm hoch“, räumt John Goddard ein, der bei Astra-Zeneca für strategische Planung zuständig ist. Der britische Konzern ist nach mehreren Flops bei zulassungsreifen Produkten derzeit besonders intensiv bemüht seine Forschungs-Pipeline wieder aufzufüllen.

Standen in der Vergangenheit Lizenzverträge und Partnerschaften mit kleinen Biotechfirmen im Vordergrund, ist inzwischen die Bereitschaft gewachsen, diese Firmen auch komplett zu übernehmen. Meist stehen dabei strategische Ziele im Vordergrund. Pfizer etwa strebt mit der Übernahme von Powdermed in das Impfstoffgeschäft. Die Darmstädter Merck-Gruppe brauchte eine generell breitere Basis für ihre Pharma-Sparte. Der US-Konzern Merck & Co will mit dem Kauf von Sirna eine Basis im Bereich RNAi aufbauen, einer neuen Technologie zur Steuerung der Genaktivität.

Ein weiterer Investitions-Schwerpunkt ist der Bereich der so genannten „Biologicals“, die derzeit das stärkste Wachstum auf dem Pharmamarkt verbuchen. Dabei handelt es sich um therapeutische Proteine wie Antikörper, die nur mit Hilfe von gentechnischen Verfahren produziert werden können. Viele Arzneimittelfirmen sind auf diesem Gebiet noch unterrepräsentiert und versuchen das nun aufzuhohlen.

Neben den etablierten Pharmakonzernen spielen inzwischen auch die großen aufstrebenden Biotechfirmen im M&A-Geschehen immer stärker mit. Zuletzt haben das vor allem die US-Firmen Gilead und Genzyme unter Beweis gestellt. Gilead, ein Spezialist für Mittel gegen Aids und andere virusbedingte Infektionskrankheiten, expandierte mit Myogen in den Bereich der Herzkreislauf-Medikamente. Genzyme setzte sich im Übernahmekampf um Anormed, einen Entwickler von Krebs und HIV-Medikamenten, gegen den Konkurrenten Millenium Pharma durch. Durch den Auftritt der Biotech-Konzerne hat sich der Konkurrenzkampf um neue Produkte zusätzlich verschärft. Immer häufiger müssen Pharmafirmen fürchten, dass ihnen potenzielle Lizenzgeber oder Partner vor der Nase weggekauft werden.

Firmen wie Genzyme, Gilead oder Amgen gehören zur ersten Generation von Biotechfirmen, die das reine Forschungs-Stadium hinter sich gelassen haben und mit dem Vertrieb eigener Pharmaprodukte bereits üppige Erträge erzielen. Sie haben derzeit zwar keine akuten Wachstumsnöte. Dessen ungeachtet nutzen sie ihre Finanzkraft intensiv, um zuzukaufen.

Auch einige der reiferen deutschen Biotechfirmen drängen inzwischen stärker in die Rolle der Konsolidierer. Qiagen und Morphosys etwa haben ihr Technologie-Programm durch eine Reihe kleinerer Zukäufe verbreitert. Medigene erwarb jüngst die britische Avidex, um ihre Pipeline aufzupolstern.

Ungeachtet dieser Transaktion betrachtet Medigene-Chef Peter Heinrich Übernahme-Strategien nach wie vor als relativ mühsam. „Die Bereitschaft vieler Manager, ihre Firmen zu verkaufen, ist nach wie vor eher gering.“ Andererseits hat jedoch das nur verhaltene Börsenklima für Biotech zumindest auf der Seite der Kapitalgeber einen gewissen Umdenk-Prozess eingeleitet. Da Börsenneulinge in aller Regel nur mäßige Bewertungen erzielen, hat das klassische Ziel eines IPO für viele Venture Capital Firmen an Glanz verloren. „Ein IPO lohnt sich für uns oft gar nicht mehr“, so Alexandra Goll, Partnerin bei der VC-Gruppe TVM, die bei zahlreichen deutschen Biotechfirmen engagiert ist. In dieser Situation akzeptieren Kapitalgeber zusehends den Verkauf ihrer Biotech-Beteiligungen als logische „Exit-Strategie“ – zumal Pharmafirmen zum Teil bereit sind, relativ tief in die Tasche zu greifen.

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