Abgas-Affäre

Das lehrt VW – schon jetzt

Die Abgas-Affäre wird VW noch Jahre beschäftigen. Andere Unternehmen können den Skandal aber bereits nutzen. Was ist zu tun, damit nicht VW-mäßig gelogen und betrogen wird? Die gute Nachricht: Es gibt einiges.
  • Michael Groß
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Der Konzern sollte eine Kultur etablieren, die auch Fehler und Kritik als wichtigen Teil der Entwicklung anerkennt, nicht nur Gewinne und Prämien. Quelle: Reuters
Volkswagen

Der Konzern sollte eine Kultur etablieren, die auch Fehler und Kritik als wichtigen Teil der Entwicklung anerkennt, nicht nur Gewinne und Prämien.

(Foto: Reuters)

FrankfurtVW hat eine Compliance und Corporate Governance, interne Revision oder auch ein Ombudsmann-System, das anonyme Hinweise auf Verstöße bearbeitet. Das System ist bestimmt ausgefeilter als bei 95 Prozent aller Unternehmen in Deutschland. Und dennoch droht der Skandal sogar das Prädikat „Made in Germany“ zu beschädigen.

Spätestens 2011 war das Problem der Abgas-Manipulation bei VW intern bekannt, auch die Warnung vor Rechtsverstößen. Das Management tat: nichts. Auch die Revision und Compliance haben damals den Betrug nicht verhindert. Um von den Ereignissen und Erfahrungen bei VW zu profitieren, sind daher folgende Eckpunkte wichtig:

 

1. Strenge Regeln und harte Strafen allein nützen wenig
Noch strengere Regeln schaffen nur Sicherheit auf dem Papier. Denn sie führen nicht automatisch zu einem Umdenken der Manager und Mitarbeiter. In der Praxis wird die Kreativität der Menschen größer, je umfangreicher Vorschriften werden, und sei es einfach nur aus Bequemlichkeit. Die Banken sind aktuell das beste Beispiel: Als Folge der Finanzkrise wird heute für jede Beratung eines Privatkunden ein Protokoll erstellt, um über alle Gefahren aufzuklären. Die Entscheidung für eine Investition wird dadurch nicht besser, sie wird nur dokumentiert. Daher ist 2. genauso elementar.

 

2. Präsenz und Konsequenz bei Verfolgung der Unternehmenswerte
Ob Leitbild oder Führungsprinzipien. Alle selbst bestimmten Regeln für das Management im Unternehmen brauchen Relevanz und Präsenz im Alltag. Allen Managern und Mitarbeitern muss deutlich werden, dass die Unternehmensleitung für die Einhaltung der Werte genauso brennt wie für die Erreichung der Geschäftsziele. Verstöße gegen Verhaltensregeln werden genauso verfolgt wie das Verfehlen von Umsatzvorgaben. Dazu ist 3. wichtig.

 

3. Anerkennung statt Verdammung von „Nestbeschmutzern“
Die interne Aufdeckung von Missständen sollte gegebenenfalls sogar finanziell anerkannt werden. Nicht das „Denunzieren“ zählt, vielmehr erfolgreiche Veränderungen, ausgelöst z.B. durch Hinweise an externe Ombudsmänner. Die Wirkung der Kontrollmechanismen sollte im Unternehmen anonymisiert transparent und damit Mut gemacht werden, sich für die Unternehmenswerte zu engagieren. Regelmäßige Reports, wie die eigenen Regeln verfolgt werden, sind wichtiger als ein Prüfsiegel im Geschäftsbericht, dass alle Formulare ordentlich ausgefüllt wurden. 4. ist dafür zu beachten.

 

4. Traditionelle Feedback-Instrumente versagen
Die wirklich „heißen Themen“ kommen selten in Mitarbeiterbefragungen zur Sprache. Je nach Stimmung im Unternehmen beteiligen sich die völlig frustrierten Mitarbeiter ohnehin nicht mehr an solchen Umfragen. Die Ergebnisse sind positiver als die Wirklichkeit. Die Unternehmenskultur rückzukoppeln und notwendige Veränderungen anzustoßen geht heute besser denn je, wie über tagesaktuelle Rückmeldung in sozialen Medien. Gerade kritische Impulse tragen enorm für die ständige Verbesserung bei und schaffen gegenseitig Vertrauen. 5. erleichtert hier einiges. 

 

„Das ist eine Enthauptung des Unternehmens“

„Das ist eine Enthauptung des Unternehmens“

5. Zur Umsetzung ist weniger mehr

Niemals ist alles schlecht, was gemacht wird, auch nicht bei VW. Veränderungen sind kein Selbstzweck. Schnell und viel bedeutet nicht automatisch gut und richtig. Nur Maßnahmen sollten angekündigt werden, die die Probleme dauerhaft lösen, spürbar etwas verändern und garantiert umgesetzt werden können. Sonst ist jeder Unternehmenslenker von Anbeginn unglaubwürdig. Die Mitarbeiter warten ab und denken sich: „Wird alles nicht so heiß gegessen, wie gekocht“. Dann ist schon vor dem Start klar, dass das Ziel nicht erreicht wird.

Das sind die neuen mächtigen Männer bei VW
Der Vorstandschef
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Matthias Müller steht vor einem fast unentwirrbaren Knäuel von Problemen: Der neue Chef von Volkswagen muss nicht nur die Aufklärung der Abgas-Affäre vorantreiben, verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und den finanziellen Schaden durch drohende Strafzahlungen und Schadensersatzklagen begrenzen. Der bisherige Porsche-Chef muss nach Ansicht von Konzerninsidern auch die zentralistischen Strukturen im Wolfsburger Machtapparat aufbrechen, die ihm Martin Winterkorn hinterlassen hat. Vor allem die Kultur der Angst, die nach Ansicht vieler Experten den Abgas-Skandal begünstigt hat, muss weg. Und schließlich muss der 62-Jährige den weltgrößten Autobauer fit für die Digitalisierung machen, um gegen IT-Giganten wie Google und Apple zu bestehen.

Der Vorstand
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BMW kehrte er den Rücken, als er nicht Vorstandschef wurde. Jetzt ist Herbert Diess auch im VW-Konzern nur die Nummer zwei – vorerst. Der Münchener ist ein brillanter Ingenieur und ein guter Netzwerker. Diess braucht keine Seilschaften, er sucht sich seine Verbündeten situativ. Schon vor seinem Amtsantritt im Juli inspizierte er die Werke und knüpfte enge Bindungen mit Betriebsratschef Osterloh. Diess wird die Modellpalette entrümpeln und die Kosten bei den Zulieferern drücken. Macht er seinen Job gut, kann er Müller eines Tages ablösen.

Der Audi-Chef
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Beim Autorennen in Le Mans bekämpften sich Porsche und Audi bis aufs Messer. Jetzt müssen Audi-Chef Rupert Stadler und VW-Boss Matthias Müller eng zusammenstehen. Denn ohne die Gewinne von Audi wird die Mutter VW die kommenden Belastungen nicht stemmen können. Anders als Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg gilt Stadler in der Abgasaffäre als eher unverdächtig. Stadler ist gut vernetzt im VW-Konzern und kennt die Entscheidungswege. Als ehemaliger Bürochef von Ferdinand Piëch genießt Stadler zudem das Vertrauen des gestürzten Patriarchen.

Der Nordamerika-Chef
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Für Volkswagen war Winfried Vahland in vielen Ecken der Welt unterwegs. In den neunziger Jahren baute er die Region Asien-Pazifik mit auf, dann ging es nach Brasilien und Argentinien, nach China und nach Tschechien. Dort führte der 58-jährige Westfale in den vergangenen fünf Jahren die Marke Skoda zu ertragreicher Blüte. Jetzt soll er es jenseits des Atlantiks richten, wo die drei Märkte in den USA, Mexiko und Kanada zur Region Nordamerika zusammengefasst wurden. Vahland hat den Ruf des kommunikativen Machers. Gerade so einen brauchen sie dort jetzt.

Der (politische) Aufseher
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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil nimmt eine Schlüsselposition bei der Neuordnung von Volkswagen ein. Schon bei der Attacke des früheren Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch auf VW-Boss Martin Winterkorn war der Sozialdemokrat einer der Protagonisten, die sich des Problems annahmen. Führungsstärke zeigte der Landesvater auch in der Dieselaffäre. Als Erster aus dem Aufsichtsrat forderte er eine lückenlose Aufklärung der Manipulationsvorwürfe. Die vergangenen sechs Monate haben dem Politiker Weil eine Seite von VW gezeigt, die er wohl nicht für denkbar gehalten hatte. Sein Amt als Kontrolleur von Europas größtem Industriekonzern will er daher mit größter Sorgfalt weiter wahrnehmen. Den Konzernumbau, der vom neuen VW-Chef Matthias Müller forciert werden muss, wird er genau verfolgen.

Der künftige Aufsichtsratschef
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Zwölf Jahre war Hans Dieter Pötsch Finanzvorstand. Immer galt der 64-jährige Österreicher als geradlinig. Und doch fällt jetzt auch ein Schatten auf ihn. Während der gesamten Zeit der Manipulation an Dieselmotoren war er der direkte Mann hinter Martin Winterkorn. Experten halten es für denkbar, dass hier auch das Finanzressort eingebunden war. Pötsch wird deshalb einige Fragen beantworten müssen. Als künftiger Aufsichtsratschef muss sich der groß gewachsene Mann, der bisher eher im Hintergrund die Fäden gezogen hat, an die Spitze der Aufklärung stellen. Die Voraussetzungen sind gut: Pötsch ist erfahren und hat das Vertrauen von Aufsichtsrat und Präsidium. Am 9. November soll er in Berlin auf einer außerordentlichen Hauptversammlung in den Aufsichtsrat gewählt werden.

Der Eigner
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Letztlich hat sich Wolfgang Porsche durchgesetzt. Sein Wunschkandidat Matthias Müller wurde zum Nachfolger von VW-Chef Martin Winterkorn berufen. Es war die bequemste und naheliegende Lösung; schließlich kennt er den bisherigen Porsche-Chef seit Jahren. Diese Entscheidung, die von den anderen Aufsichtsräten unterstützt wurde, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Wolfgang Porsche vor allem weggeduckt hat. Auch wenn Porsche für die Öffentlichkeit unauffällig bleibt, so fällt ihm doch eine wichtige Rolle zu. Er muss die nächste Generation von Piëchs und Porsches in die Welt von Volkswagen einführen. Einige dieser sogenannten vierten Generation sind bereits in den Aufsichtsräten des Unternehmens vertreten.

Unternehmen können eine Leistungskultur schaffen, die Auswüchse und Gesetzesbrüche vermeidet, soweit wie möglich. Leistung entsteht aus einer Kultur, die auch Fehler und Kritik als wichtigen Teil der Entwicklung anerkennt, nicht nur Gewinne und Prämien. Sich damit zu beschäftigen und dort zu investieren, lohnt sich für jedes Unternehmen mehr, als Skandale aufzuklären.

Michael Groß ist Managementberater, Geschäftsführer von Groß & Cie. und Lehrbeauftragter an der „Frankfurt School of Finance & Management“.

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3 Kommentare zu "Abgas-Affäre: Das lehrt VW – schon jetzt"

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  • Die VW-Krise lehrt vor allem, dass sich deutsche Arbeitnehmer/innen in der Krise weder auf Wirtschaftsminister Gabriel noch auf Kanzlerin Merkel verlassen können. Das sind sie eher "VERLASSEN"!

  • Die eigentlich Frage, die sich hier stellt, ist die nach der Plausibilität, bzw. umformuliert, wie dumm kann Management sein. Es ist irgendwie nicht vorstellbar, dass ein qualifiziertes Ingenieurteam so dumm ist, einem Umweltverband gleich zwei Fahrzeuge mit illegaler Ausstattung für Emissionstests im Dauerbetrieb zu überlassen. Es wäre wohl ein leichtes gewesen, die Elektronik neu zu programmieren und eben schlechtere Werte in Kauf zu nehmen. Kunden zu täuschen und gleichzeitig wissentlich einem Umweltverband gratis dafür die Beweise zu liefern, passt irgendwie nicht. Damit stellt sich die Frage, ist es denkbar, dass Sabotage im Spiel ist, etwa mit dem Ziel, billig Aktien erstehen zu können oder über eine Insolvenz das ganze Unternehmen zum Nulltarif zu übernehmen. Die Erfahrung der letzten Jahre seit der Bankenkrise lehrt, dass manche diesbezügliche Verschwörungstheorie als Arbeitshypothese, die von raffinierter krimineller Energie ausgeht, ganz brauchbar ist, insbesondere seit in der Finanzwelt zunehmend Intelligenz durch Unverschämtheit ersetzt wird. Somit erscheint Sabotage nicht weniger plausibel als Amoral und Idiotie von Teilen des Managements. Spannend und überraschend könnte werden, was die großen Internetohren aus China und Russland hier mitbekommen haben und die dies, wenn es ihnen nutzt, auch durchsickern lassen werden. Es bleibt also interessant und es sind kreative Ermittler ohne Maulkorb durch Justizminister dafür mit vielen guten Leibwächtern gefragt.

  • Was man aus den Vorgängen bei VW vor allem lernen kann, ist, dass wenn man sich schon auf dem US-Markt tummelt, dass man dabei vor allem nicht schummelt.
    Reimt sich sogar.

    Wenn VW bei den Dieselabgas-Werten geschummelt hat, weil man an der Software gefummelt hat (reimt sich schon wieder), dann ist das Dummheit. Und Dummheit gehört bestraft. Aber mit Augenmaß!
    Das genau das, nämlich der Verlust des Augenmaßes und der Verhältnismäßigkeit droht,. ist ein Hinweis darauf, dass es bei dem Vorgang eben nicht um die Einhaltung irgendwelcher Umweltstandards geht, sondern daß es sich um einen US-Frontalangriff auf die deutsche Automobil- und Zulieferindustrie, auf die deutsche Dieseltechnologie und damit auf den Wirtschaftsstandort Deutschland handelt.
    Mich persönlich würde es nicht wundern, wenn die beste Rettungskanzlerin aller Zeiten in Kürze die Sache zur Chefsache erklären würde. Komm Angie, sprich ein Diesel-Moratorium aus. Eigentumsrechte der Aktionäre? Wie bei den Versorgern: drauf ges____ssen!
    Erklär -wie bei der Energiewende bei den WKA und Solarplättchen- das E-Mobil aus Zukunftstechnologe, Go Angie, go! Wo der Strom herkommt? Egal! LOL

    PS: wo ist der Manager mit Niveau, der mal paar Fords und GMs auf den Prüfstand rollt? Die sollen ja angeblich dem Abgas Frischluft beimischen, damit die Abgaswerte stimmen. Und wo ist der Manager, der Angie, der EU und Co. mal erklärt, dass man die Physik nicht überlisten kann? Aber an dem Punkt hat ja auch schon bei der Energiewende keiner den Mut gehabt.

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