Abgas-Skandal
Seit einem Jahr wusste jeder Bescheid

Der Volkswagen-Skandal erschüttert die Republik. Niemand will etwas gewusst haben. Doch ein Blick ins Archiv zeigt: Schon vor einem Jahr wurde über den Betrug berichtet. Auch Winterkorn hätte es lesen können.
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Berlin/DüsseldorfDas Präsidium des VW-Aufsichtsrats hat Martin Winterkorn am Mittwoch mit Worten gewürdigt, die bei näherem Hinsehen zweifelhaft erscheinen: "Die Mitglieder des Präsidiums stellen fest, dass Herr Professor Dr. Winterkorn keine Kenntnis hatte von der Manipulation von Abgaswerten", teilten sie offiziell mit. Handelsblatt-Recherchen werfen ein anderes Licht auf die Sache. Bereits vor einem Jahr berichtete Medien wie der „Spiegel“ und auch das Handelsblatt über Manipulationen beim Abgastest.

Bis dahin ahnte jeder Autofahrer: Den durchschnittlichen Spritverbrauch, mit dem Auto-Hersteller im Prospekt werben, erreicht man auf der Straße niemals. Klar war damit auch: Wenn das Auto mehr Treibstoff als angepriesen schluckt, sind die Emissionen höher.

Spätestens am 28. September des vergangenen Jahres wurde für jeden, der es wissen wollte, aus der Ahnung Gewissheit. Der „Spiegel“ hatte damals Ergebnisse des Forschungsinstituts ICCT veröffentlicht. Die Geschichte machte anschließend auch in anderen Medien wie dem Handelsblatt die Runde. In der Studie belegen Wissenschaftler, dass insbesondere deutsche Auto-Hersteller Werte beim Spritverbrauch angeben, die bis zu 50 Prozent unter dem liegen, was die Fahrzeuge tatsächlich schlucken. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit habe in den letzten Jahren stark zugenommen. „Ein Zusammenhang zwischen der Einführung strenger Grenzwerte und der zunehmenden Schummelei ist mehr als deutlich zu erkennen“, sagte ICCT-Studienautor Peter Mock in den damaligen Berichten.

Besonders erstaunen lässt aus heutiger Sicht ein Absatz. Unter der Zwischenüberschrift „Blackboxes erkennen Laborfahrt“, war dort zu lesen, was jetzt Winterkorn vom Sockel stieß: „Doch der Aufwand [der Autohersteller] reicht noch viel weiter: Bordcomputer der neuesten Generation können erkennen, wenn sich das Auto auf einem Rollenprüfstand befindet, und daraufhin in einen optimierten Testmodus schalten. Für die Prüfer ist es unmöglich, solche Manipulationen zu erkennen.“

Damals hat allerdings niemand reagiert: Politik, Verbraucher und Journalisten haben weiter zugeschaut, Umweltschützer wurden überhört. Erst die US-Umweltbehörde EPA setzt das Thema mit ihrem Vorgehen gegen Volkswagen jetzt ganz oben auf die Agenda in Deutschland.

Die Lobbyarbeit der Automobilbranche, so scheint es, hatte über Jahre Erfolg. Es sei eine Tatsache, „dass die realen Emissionen siebenmal höher sind als die, die gesetzlich erlaubt sind. Und das ist den Behörden bereits seit Jahren bekannt“, sagte Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), dem Handelsblatt. Die Reaktionen der Politik, die jetzt aus allen Wolken fällt, hält er für „heuchlerisch“.

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Bundesregierung hatte angeblich „keine Erkenntnisse“

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  • Gute Frage. Keine Ahnung.

  • Herr Paule 5025.09.2015, 09:17 Uhr

    Was hat der FALSCHE Bezinverbrauch mit falschen Abgaswerten zu tun ?

    BEIDES ist falsch und von technischen "Prüfständen" habe ich als Techniker es in den 70/80' Jahren gelernt, damals genannt der spezifische Kraftstoffverbrauch ! Das hat mit dem rühren der Gangschaltung im Benzintank im normalen Leben nichts zu tun !!! Eine Schön-Blöd-Angabe, immer schon gewesen !
    NUR jetzt erkennt man die überschwängliche Dummheit aus Politik und Wirtschaft, was uns blüht, wenn TTIP von unseren "Experten" unterschrieben wird !!!
    Es gibt INDUSTRIE-STAATEN, die sin uns an Raffinesse und Skrupellosigkeit weit voraus !!!
    Wir in DEUTSCHLAND haben Marionetten (nicht alle aber zu viele) in unseren Parlamenten herum lungern, um gewisse unseriöse Lobby-Truppen zu "bedienen" !!!
    Uns fehlen ECHTE VOLKSVERTRETER !!! Seriöse Unternehmen (allgemein gemeint) , die den Namen verdienen !!!

  • Was hat denn der Benzinverbrauch mit falsche Abgaswerten zu tun?
    Und die "falschen" Angaben beim Benzinverbrauch war doch schon immer so, zumindest seit den siebziger Jahren! Was ist da eigentlich neu?
    Die meisten Käufer suchen deshalb ihr Auto doch nach anderen Kriterien, z.B. Leistung, Preis und Qualität und damit hat der Skandal doch garnichts zu tun!
    Das Video von Dirk Müller sagt zum Thema VW eigentlich alles:
    http://bcove.me/3mxjpw8s

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