Abgasnorm
Motorenbauer Tognum fordert strengere Klimapolitik

Ausgerechnet ein Motorenbauer fordert eine strengere Klimapolitik: Das süddeutsche Unternehmen Tognum stellt sich gegen die Industrielobby und spricht sich gegen eine Erleichterung der Abgasnorm bei Lokomotiven aus. Das Engagement des Konzerns für die Umwelt ist nicht ganz selbstlos.
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STUTTGART/BRÜSSEL/FRANKFURT. Eigentlich zählt Volker Heuer zu den ruhigeren Vertretern seiner Zunft. Aber beim Thema europäische CO2-Grenzwerte kommt der Vorstandschef des Großmotorenbauers Tognum richtig in Fahrt: "Eine nachträgliche Erleichterung der Abgasnormen bei Lokomotiven käme einer massiven Wettbewerbsverzerrung gleich. Die Wettbewerber, die es technologisch nicht geschafft haben, werden mit einer Aufweichung der Anforderungen auch noch belohnt", erzürnt sich Heuer im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das sei unfair gegenüber Tognum und der Umwelt.

Was ist der Hintergrund? Die Verschärfung der Emissionsvorschriften vom sogenannten Stage 3a auf 3b für die Bahnindustrie wurden in Brüssel 2004 beschlossen mit der Einschränkung, dass im Jahr 2007 unter anderem eine Flexibilisierung noch einmal überprüft werden solle. Diese Überprüfung ist noch nicht abgeschlossen. Es gibt aber bereits eine Empfehlung der EU-Kommission vom Juli dieses Jahres mit dem Vorschlag, dass die Hersteller der Fahrzeuge die ursprünglichen Richtwerte nicht bei der kompletten Produktion werden einhalten müssen. Die EU-Kommission würde damit im Nachhinein die umweltentlastenden Normen aufweichen, obwohl deren technische Einhaltung möglich ist, wie Tognum beweist. Wenn das EU-Parlament dieser Empfehlung folgt, hält Tognum-Chef Heuer das für "einen Skandal auf Kosten der Umwelt".

Auf der wichtigsten Bahnmesse Innotrans in Berlin hatte Tognum vor wenigen Wochen als einziger Hersteller bereits einen Motor vorgestellt, der die Abgasnormen ab 2012 voll erfüllt und dafür zertifiziert ist. Siemens baut das neue Tognum-Aggregat bereits in die neue Lok "Vectron" ein.

Den Großmotorenbauer vom Bodensee würde eine Aufweichung der Abgasnormen hart treffen. Das Unternehmen gibt nach Angaben von Heuer pro Jahr rund acht Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus, fast doppelt so viel wie der Branchendurchschnitt und prozentual mehr als Wettbewerber wie Caterpillar oder Cummins.

Tognum fährt Sonderschichten

Die EU-Kommission ist zwar in Sachen Klimaschutz grundsätzlich ambitioniert, wird aber immer wieder von den Mitgliedstaaten ausgebremst. So stieß das Vorhaben von Klimakommissarin Connie Hedegaard, das Reduktionsziel beim CO2-Ausstoß bis 2020 von 20 auf 30 Prozent zu erhöhen, auf massiven Widerstand. Auch in den Reihen der Kommission besitzt das Thema Klimaschutz Sprengkraft. So hat Industriekommissar Antonio Tajani seine Kollegen jüngst aufgefordert, die Belange der Unternehmen bei Gesetzgebungsvorhaben stärker zu würdigen. Vor allem die Industrieverbände machen europaweit massiv Druck, die Unternehmen mit zu niedrigen Grenzwerten beim Ausstoß von Treibhausgasen nicht zu überfordern. Zuletzt hatten sich die Bundesregierung sowie Italien und Frankreich für niedrigere Grenzwerte bei kleinen Lastwagen stark gemacht - mit Erfolg: Sogar der Umweltausschuss des Europaparlaments hat den Vorschlag der EU-Kommission zum CO2-Ausstoß bei kleinen Nutzfahrzeugen abgeschwächt. Anstatt bei 135 g/km soll der Grenzwert im Jahr 2020 nun bei 140 g/km liegen. Die Hersteller hatten sich bereit gezeigt, den Wert auf 160 Gramm zu senken. Die Mitgliedstaaten müssen den Plänen zustimmen. Beobachter rechnen mit einem Kompromiss bei 145 oder 150 Gramm.

Technologieführer wie Tognum sind die Leidtragenden des Brüsseler Trends zur Nachgiebigkeit. Das Unternehmen verfolgt eine Nischenstrategie mit maßgeschneiderten Produkten. Durch die Spitzenstellung bei Leistung und Abgaswerten kann Tognum höhere Preise erzielen. Bei weicheren Abgasnormen verliert Tognum einen Teil seiner Rechtfertigung für die deutlich höheren Preise.

Im vergangenen Jahr hatte die Wirtschaftskrise Tognum voll erwischt. Der Umsatz brach von 3,1 auf 2,5 Milliarden Euro ein und der Gewinn vor Steuern und Zinsen halbierte sich auf 199 Millionen Euro. In diesem Jahr erwartet Heuer einen Umsatzstabilisierung bei wiederum 2,5 Milliarden Euro bei einer Umsatzrendite von 7,5 bis neun Prozent. "Eigentlich ist 2010 bisher recht positiv verlaufen", sagt Heuer. Das Geschäft ist zuletzt massiv angesprungen. "Derzeit brummt unsere Fertigung rund um die Uhr. Wir fahren Sonderschichten", betont Heuer.

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