Abgasskandal
VW-Whistleblower steckt hinter neuen Enthüllungen

Neue Skandale in der VW-Krise: 98.000 Benzinfahrzeuge sollen von falschen CO2-Angaben betroffen sein. Das hat ein Whistleblower aufgedeckt. Unterdessen stoppen Audi und VW den Verkauf von großen Dieseln in den USA.

Wolfsburg/BerlinDie Krise bei Volkswagen zieht weitere Kreise. Nicht nur gefährliche Stickoxide, auch klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) dürfte laut internen Untersuchungen von vielen Modellen in größeren Mengen ausgestoßen worden sein als angegeben. Damit könnte der tatsächliche Spritverbrauch von Hunderttausenden Fahrzeugen höher liegen, als deren Besitzer bisher annahmen. Diese falschen CO2-Angaben bei VW betreffen nach Angaben der Bundesregierung auch 98.000 Benzinfahrzeuge. Das sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) im Bundestag. Hauptsächlich gehe es aber um Dieselautos – vor allem auch um die neueste Generation von Dieselmotoren mit der Kennung EA 288.

Die Enthüllungen manipulierter CO2-Emissionsangaben von VW-Fahrzeugen kamen nach Informationen der WirtschaftsWoche durch einen internen Whistleblower ans Licht. Wie ein hochrangiger VW-Insider berichtete, habe sich nach dem Aufruf von VW-Chef Matthias Müller, eine neue Unternehmenskultur zu schaffen, ein VW-Mitarbeiter direkt bei Müller gemeldet. Er habe ihm berichtet, dass bei Messungen auf dem Rollenprüfstand und bei der Auswertung der Messdaten aus dem europäischen NEFZ-Zyklus betrogen wurde. Ziel des Betrugs war es offenbar, die Autos in die Effizienzklasse A des seit 2011 gültigen Öko-Labelings zu hieven. Dafür darf ein Auto nicht mehr als 99 Gramm CO2 pro Kilometer emittieren. VW habe, so der Insider, nach dem Hinweis des Mitarbeiters die Tests nachgefahren und festgestellt, dass die Emissionen tatsächlich höher sind.

Mit seiner Darstellung widerspricht der Insider der offiziellen Version von VW, dass die möglichen Manipulationen im Rahmen der derzeit laufenden Überprüfungen von Prozessen und Abläufen bei Dieselmotoren aufgedeckt worden seien. Warum der Betrug zuvor unentdeckt blieb, ist unklar. Bei VW hegen hochrangige Manager den Verdacht, dass es Komplizen bei Prüforganisationen geben könnte. Ohne sie seien die Manipulationen kaum durchführbar.

Unterdessen stoppen nach Porsche auch Audi und Volkswagen den Verkauf von V6-TDI-Dieseln in den USA. Der Verkaufsstopp gelte ab sofort und soll das Vertrauen der US-Kunden sichern, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Betroffen sind unter anderem die Audi-Modelle A6, A7 und A8 sowie die Geländewagen Q5 und Q7 mit TDI-Motor. Bei Volkswagen ist der VW-Touareg betroffen. Bereits am Dienstag hatte die Konzernschwester Porsche erklärt, den Verkauf des Cayenne Diesel in den USA einzustellen. VW, Audi und Porsche reagieren damit auf den Vorwurf der US-Umweltbehörde EPA, auch bei dem großen Dieselmotor die Abgaswerte manipuliert zu haben. Der VW-Konzern bestreitet den Vorwurf, da es sich um ein gängiges und legales System zur Abgasregulierung handele, das der Konzern bei der Zulassung in den USA aber nicht angegeben habe.

Gleichzeitig ruft VW weitere rund 92.000 Autos in den USA zurück in die Werkstätten. Der Grund: Problemen an der Nockenwelle. Betroffen von dem freiwilligen Rückruf seien unter anderem Benziner vom Typ Jetta, Passat, Beetle und Golf der Modelljahre 2015 und 2016, wie die US-Tochter von VW am Mittwoch mitteilte. Der Wolfsburger Konzern steht in den Vereinigten Staaten bereits wegen der Affäre um manipulierte Abgaswerte bei Diesel-Fahrzeugen stark unter Druck.

Die neuen Hiobsbotschaften schickten die Vorzugsaktie der Wolfsburger am Mittwoch abermals auf eine Talfahrt. Das Papier sackte nach dem Handelsbeginn in Frankfurt zeitweise um mehr als 10 Prozent ab.

„Nach derzeitigem Erkenntnisstand können davon rund 800.000 Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns betroffen sein“, hieß es in Wolfsburg. Betroffen seien die Marken VW, Audi, Seat und Skoda. Europas größter Autobauer taxierte die wirtschaftlichen Risiken in einer ersten Schätzung auf rund zwei Milliarden Euro.

Der neue Vorstandschef Matthias Müller versprach erneut eine „schonungslose“ Aufklärung: „Dabei machen wir vor nichts und niemandem Halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative.“ Der Aufsichtsrat reagierte „mit Betroffenheit und Sorge“ auf die neuen Erkenntnisse. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa wird sich die Aufsichtsratsspitze spätestens an diesem Sonntag treffen, der komplette Aufsichtsrat dann am Montag.

Konzernchef Müller sitzt dabei auch noch die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin im Nacken. Sie verlangt Aufklärung über die Informationspolitik von VW. Bis Mittwoch kommender Woche müssen Müller und die Konzernspitze den Kontrolleuren mehr als 30 Fragen beantworten und so tiefe Einblicke in die Abläufe des Konzerns gewähren. Zum einen geht es um möglichen Insiderhandel mit VW-Aktien, zum anderen darum, ob die Firma ihre Aktionäre fristgerecht informiert hat. VW hatte den Betrug mit Abgaswerten gegenüber den US-Behörden erstmals am 3. September eingeräumt, an die Öffentlichkeit ging der Konzern aber erst zwei Wochen später am 18. September.

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