Absatzkrise
Türkische Autobranche in Bedrängnis

Weniger Aufträge, sinkende Exporte - den türkischen Fahrzeugherstellern geht es schlecht. Nach einem erfolgreichen ersten Halbjahr erwarten Experten nun einen Produktionsrückgang von fünfzehn Prozent. Das hat Folgen für die gesamte Leistungsbilanz des Landes.

ISTANBUL. Die türkische Automobilindustrie kannte bis vor kurzem nur ein Motto: Vollgas. Fahrzeugshersteller und Zulieferer fuhren von einem Produktionsrekord zum nächsten. Aber jetzt hinterlässt die Finanzkrise deutliche Bremsspuren in der Branche. Vor allem die Nachfrage auf den Exportmärkten bricht dramatisch ein. Ford Otosan, ein Gemeinschaftsunternehmen von Ford mit der türkischen Koc Holding, hält diese Woche die Bänder in zwei Fabriken an. Tofas, ein Joint Venture von Koc und Fiat, meldete vorige Woche Entlassungen. Die Auto-Exportflaute belastet die türkische Leistungsbilanz.

Noch im ersten Halbjahr 2008 konnten die 18 türkischen Automobilhersteller ihre Produktion um fast 39 Prozent steigern. Die Exporterlöse legten sogar um 45,5 Prozent auf 14,6 Mrd. Dollar zu. Zu den Erfolgsmodellen, die von den türkischen Produktionsbändern laufen, gehören Renault Megane, Fiat Linea, Ford Transit und Toyota Auris. Aber seit August liegen die Produktionszahlen unter dem Vorjahresniveau. Ercan Tezer, Generalsekretär des Verbandes der türkischen Automobilhersteller (OSD), rechnet mit weiteren Einbußen: "Wir haben jetzt unsere Produktionsprognose für das laufende Jahr von 1,4 Mio. auf 1,25 Mio. Einheiten zurückgenommen", sagte Tezer dem Handelsblatt. Für 2009 erwartet der Verbandschef einen Produktionsrückgang um 15 Prozent.

Die türkischen Automobilhersteller bekommen die Krise deshalb besonders massiv zu spüren, weil sie acht von zehn produzierten Fahrzeugen exportieren. Von den Gesamtausfuhren gehen 90 Prozent in die EU. Für 2009 rechnen Marktforscher in Westeuropa mit einem weiteren Rückgang in der Größenordnung von sechs Prozent. Noch drastischer sind die Einbrüche bei den Nutzfahrzeugen, deren Absatzzahlen nach Angaben des europäischen Herstellerverbandes ACEA bereits seit Mai rückläufig sind. Die Nutzfahrzeugflaute trifft die türkischen Automobilhersteller hart, weil 43 Prozent ihrer Produktion auf dieses Fahrzeugsegment entfallen.



Auch die deutschen Hersteller MAN und Daimler produzieren bereits seit über 40 Jahren LKW und Busse in der Türkei. Jürgen Ziegler, Präsident und CEO von Mercedes-Benz Türk, hofft aber, trotz der Absatzflaute sein für dieses Jahr gesetztes Produktionsziel von 3 600 Bussen und 17 000 Lkw erreichen zu können. "Für 2009 haben wir aber die LKW-Produktion in unseren Planungen angesichts der absehbar schwächeren Exporte um etwa 15 Prozent niedriger angesetzt", sagte Ziegler dem Handelsblatt.

Vor massiven Problemen steht dagegen die türkische Automobil-Zulieferindustrie mit ihren rund 900 Unternehmen und 260 000 Beschäftigten. Noch im Juni rief der Verband der Zulieferer, Taysad, händeringend nach 50 000 dringend benötigten Fachkräften. Jetzt meldet der Verband einen Auftragseinbruch um 30 Prozent. Europäische Hersteller wie Ford und Audi hätte ihre Bestellungen bei den türkischen Zulieferern bereits Ende August um zehn bis 20 Prozent zurückgefahren, heißt es in der Branche. Entlassungen seien deshalb unumgänglich.

Für die türkische Volkswirtschaft ist die Flaute in der Autoindustrie aber nicht nur wegen der Folgen für den Arbeitsmarkt gravierend. Die Autoindustrie ist mit einem Anteil von 31 Prozent an den Ausfuhrerlösen der wichtigste Devisenbringer des Landes. Gehen die Auto-Exporte zurück, vergrößert sich auch der Fehlbetrag in der türkischen Leistungsbilanz. Sie rutscht wegen massiver Kapitalabflüsse von den türkischen Finanzmärkten und rückläufigen ausländischen Direktinvestitionen ohnehin immer tiefer in die roten Zahlen. Das wachsende Defizit in der Leistungsbilanz, das in diesem Jahr rund acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen dürfte, gehört zu den brisantesten Folgen der Finanzkrise für die Türkei.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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