Absichtserklärung unterzeichnet
Siemens zurück im Atomgeschäft

Siemens und der staatliche russische Kernenergiekonzern Rosatom konkretisieren ihre Zusammenarbeit. Beide unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, dessen Spektrum von Marketing und Vertrieb bis hin zum Neubau und zur Modernisierung von Kernkraftwerken reichen soll. Ziel ist nicht geringeres als die Weltmarktführerschaft beim Bau von Kernkraftwerken.

BERLIN. Die Verträge zur Gründung des Unternehmens werde man pätestens im Mai unterzeichnen, sagte Siemens-Vorstandschef Peter Löscher. Rosatom soll daran 50 Prozent plus eine Aktie halten. Das Joint Venture soll sämtliche Geschäftsmöglichkeiten der nuklearen Energieumwandlungskette von der Brennstoff-Herstellung bis zur Stilllegung von Altanlagen nutzen. Basis ist die russische Druckwasserreaktortechnologie (WWER). Bislang liefert Siemens nur konventionelle Technik für Kernkraftwerke wie Turbinen und Steuerungsanlagen.

Siemens und Rosatom unterstreichen mit der Absichtserklärung ihre Entschlossenheit, bei der Kooperation rasch voranzukommen. Löscher hatte erst vor einem Monat mit der russischen Regierung vereinbart, eine Partnerschaft im Atomenergiegeschäft zu prüfen. Zuvor hatten die Deutschen ihren Ausstieg aus dem Joint Venture mit dem französischen Areva-Konzern bekanntgegeben. Siemens hatte seine Kernenergieaktivitäten 2001 an die Franzosen ausgelagert und hielt seitdem 34 Prozent der Anteile an der Areva-Kernenergietochter. Mit der Beteiligung waren die Münchener nie glücklich geworden, da sie ihnen keine echte Einflussnahme auf die Geschäftspolitik erlaubte.

Die Kooperation mit Rosatom markiert einen Neuanfang der Münchener im Kernenergiegeschäft. Die künftigen Partner sehen enorme Wachstumschancen. Löscher bezifferte das Potenzial bis 2030 auf 400 Kernkraftwerke mit einem Investitionsvolumen von 1 000 Mrd. Euro. Tatsächlich werden weltweit zahlreiche Neubauten geplant. Mittlerweile stellt sich die Frage, ob die weltweit vier Anbieter – Areva, Toshiba/Westinghouse, GE/Hitachi und Rosatom – die Nachfrage überhaupt bewältigen können.

Die Russen messen der Kooperation mit den Deutschen hohen Stellenwert bei: Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin hatte vor vier Wochen erklärt, man ziele auf eine vollwertige, langfristig angelegte Partnerschaft. Rosatom-Chef Sergej Kirijenko sagte gestern, mit der jetzt geschlossenen Vereinbarung habe man eine „zuverlässige Grundlage geschaffen für eine große strategische Zukunft“.

Nicht abschließend geklärt ist die Frage, wie die Konkurrenzausschlussklausel in den Verträgen mit Areva gewertet werden muss, die es Siemens zunächst verbietet, im Nukleargeschäft tätig zu werden. In Unternehmenskreisen hieß es dazu, man sei bestrebt, in dieser Frage zügig zu einer Lösung zu kommen. Möglicherweise könne man das Problem innerhalb der nächsten fünf bis sechs Monate abschließend klären. Die Vorzeichen für eine „freundschaftliche Trennung“ stünden gut.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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