Abwanderung der Zentralen aber kein Thema
Pharmafirmen verlagern Führungsfunktionen in die USA

Die starke Dynamik des US-Marktes zwingt deutsche Arzneimittelhersteller zur Globalisierung. Es zieht sie ins Zentrum der Branche.

FRANKFURT/M. Weil der US-Markt immer bedeutender wird, konzentriert die Pharmabranche nicht nur ihre Forschung stärker in den USA. Auch die Führungsfunktionen wandern ab. Selbst die verbliebenen deutschen Arzneimittelhersteller sind längst auf dem Weg ins Zentrum der Branche, nach New Jersey.

Das jüngste Beispiel lieferte die Berliner Schering AG mit ihrem Beschluss, ein zweites Vorstandsressort in den USA zu etablieren. Von Montville, New Jersey, aus wird künftig der Amerikaner Marc Rubin die Produktentwicklung des drittgrößten deutschen Pharmakonzerns leiten. Nicht weit entfernt residiert bereits sein Kollege Lutz Lingnau, der für das Spezial-Therapeutikageschäft verantwortlich ist.

Bei anderen Unternehmen wird der Trend eher auf der zweiten Ebene sichtbar. Der aufstrebende Altana-Konzern etwa will sein Geschäft im Bereich Atemwegs-Medikamente künftig ebenfalls von New Jersey aus lenken. Boehringer Ingelheim bündelt die Herz-Kreislauf- Aktivitäten in den Vereinigten Staaten. Bei Bayer Healthcare werden drei von fünf Divisionen schon seit längerem von den USA aus geführt. Bei Aventis residiert Richard Markham, der zweite Mann nach Firmenchef Igor Landau, nicht mehr in Frankfurt, sondern in Straßburg und Bridgewater/New Jersey.

Dass am Ende auch die Zentralen der verbliebenen deutschen Pharmakonzerne abwandern könnten, ist bisher kein Thema. Dennoch sehen manche Fachleute die Gefahr, dass der Niedergang der heimischen Pharmabranche indirekt beschleunigt werden könnte. „Deutschland blutet in einigen Bereichen regelrecht aus“, warnt Ulrich Thess, der als Partner beim Personalberater Russell Reynolds vor allem auf die Gesundheitsbranche konzentriert ist. Bestimmte Führungsfunktionen, etwa die Leitung des internationalen Marketings werden seiner Erfahrung nach inzwischen fast nur noch in den USA angeboten.

Die Entwicklung resultiert aus einem langfristigen Trend. Weil der US-Markt seit vielen Jahren doppelt so stark wächst wie der europäische Markt und zudem deutlich höhere Renditen abwirft, hat sich das Gravitationszentrum der Pharmabranche nach Nordamerika verschoben. Alle großen europäischen Pharmahersteller waren gezwungen, ihre dortigen Aktivitäten stark auszubauen. Hinzu kommt die Tatsache, dass durch die Biotech-Revolution auch die amerikanische Pharmaforschung stark aufblühte.

„Der US-Pharmamarkt bietet beste Perspektiven und entfaltet eine wissenschaftliche Dynamik, an der wir als Global Player teilnehmen wollen“, begründet nun Schering-Chef Hubertus Erlen das zweite Vorstandsressort in den USA. In eine ähnliche Richtung deutet die Strategie von Altana. „Unser Ziel ist es, ein internationales Unternehmen zu werden“, so Pharma-Vorstand Hans Joachim Lohrisch.

Eine entsprechende Gegenbewegung von US-Konzernen, die ihre Europapräsenz ausbauen, ist ausgeblieben. Personalexperte Thess beobachtet eine Tendenz amerikanischer Firmen, ihre Europaaktivitäten nicht vom größten Einzelmarkt aus zu steuern, sondern eher von Staaten wie Belgien oder der Schweiz.

Das hat vor allem steuerliche Gründe. Zudem lässt sich kaum beurteilen, wie stark Investitionsströme von dem Trend beeinflusst werden. Zumindest einige Beispiele sprechen dafür, dass die Produktion nicht unbedingt den Chefs folgt. Bei Aventis etwa hat sich die Pharmaführung zwar aus Frankfurt verabschiedet, die Produktion am Standort Hoechst wurde jedoch deutlich ausgebaut.

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