AEG-Werk Nürnberg
Mit harten Bandagen

In den Streit über die Schließung des AEG-Werks in Nürnberg kommt Bewegung: Electrolux tauschte am Dienstag seinen Verhandlungsführer aus. Doch eine Lösung ist nicht in Sicht. Der Streik heizt die Stimmung bei der laufenden Metalltarifrunde an.

MÜNCHEN/BERLIN. Der Ton ist entschlossen, Zweifel nicht erlaubt. „Wir haben das Geld, wir haben die Motivation, wir können noch Wochen streiken“, sagt Harald Dix, AEG-Betriebsratschef in Nürnberg. Und der Nürnberger IG-Metall-Vize Jürgen Wechsler legt gleich nach: „Es ist keine Basis da. So kann man nicht verhandeln.“ Die für morgen geplante neue Verhandlungsrunde sagte er schon am Montag ab. Der Beifall der Belegschaft vor dem Werkstor ist den Streikführern sicher. Und sicher ist auch: In dieser Woche wird es wieder keine Einigung geben.

Dennoch kommt Bewegung in den seit 26 Tagen dauernden Streik: Der Electrolux-Konzern erklärte sich gestern überraschend dazu bereit, seinen Verhandlungsführer auszuwechseln und kommt damit der IG Metall erstmals entgegen. Ab sofort wird der Produktionschef für Europa, Horst Winkler, die Verhandlungen auf Konzernseite leiten. Er löst AEG-Geschäftsführer Dieter Lange ab. Die IG Metall hatte wiederholt beklagt, das AEG-Verhandlungsteam müsse sich ständig mit dem Konzern in Stockholm abstimmen, und gefordert, es sollten Manager „mit Entscheidungskompetenz“ am Verhandlungstisch sitzen. Winkler erklärte: „Die IG Metall will unbedingt, dass ich am Tisch sitze – kein Problem.“ Im Gegenzug erwarte er, „dass spätestens am Mittwoch endlich ernsthaft über Lösungen gerungen wird“. Die IG Metall reagierte reserviert: „Der Austausch von Personen bedeutet noch nichts“, sagte Verhandlungsführer Werner Neugebauer.

Denn ob der Schritt der Schweden reicht, die Verhandlungen wirklich in Gang zu bringen, ist fraglich. Zu verhärtet sind die Fronten. Über 1 700 Arbeiter sind im Arbeitskampf. Die Fabrik soll geschlossen, die Produktion nach Polen verlagert werden. Vor den Werkstoren brennen die Holzfeuer, keine Waschmaschine, kein Geschirrspüler verlässt die Fabrik. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil ist auf das Werksgelände gekommen. Er will, dass die Schließung des AEG-Stammwerkes vor den Bundestag kommt.

Der Streik in Nürnberg ist längst zum Symbolkampf geworden für die IG Metall. Hunderte von Arbeitsplätzen in der Branche verschwinden Woche für Woche, und oft nehmen nur die Regionalzeitungen Notiz von den Dramen in der Provinz. Doch AEG ist deutsche Industriegeschichte. „AEG ist Deutschland“, schreiben die Beschäftigten auf ihre Plakate – und treffen damit zumindest den Nerv der Nürnberger. Bollwerke der deutschen Industrie wurden hier in den vergangenen Jahre geschliffen: Erst verschwand Triumph-Adler mit seinen Schreibmaschinen, dann ging Grundig mit seinen Fernsehern Pleite, jetzt ist die AEG am Abgrund. Und während in den Discountern und Elektromärkten die Spülmaschinen verramscht werden, wird Nürnberg zum Fanal gegen die unbarmherzige Globalisierung, die in dem kühlen Rechner Hans Stråberg ihren Buhmann gefunden hat.

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