Anderthalb Jahre nach der Pleite der Traditionsfirma Agfa-Photo erhebt der Kölner Insolvenzverwalter Andreas Ringstmeier schwere Vorwürfe gegen den einstigen Mutterkonzern Agfa-Gevaert. Demnach haben die Belgier ihrer Leverkusener Tochter Millionen vorenthalten. Es ist nicht das erste Mal, dass Gevaert negativ auffällt.
Der Siegeszug der Digitaltechnik hat Agfa-Photo schwer zugesetzt. Filme verkaufen sich nur noch schleppend. Foto: dpa
KÖLN. „Gevaert hat von Agfa-Photo Lieferungen im Wert von rund 55 Mill. Euro erhalten, ohne dafür zu bezahlen“, sagte Ringstmeier dem Handelsblatt. Die ehemalige Muttergesellschaft versuche damit offenbar, eigene Risiken auf die Insolvenzgläubiger abzuwälzen. Nun zieht Ringstmeier vor Gericht. Der Insolvenzverwalter will Agfa-Gevaert den börsennotierten belgischen Bildtechnikkonzern auf die volle Summe verklagen.
Nicht zum ersten Mal seit der Insolvenz der ehemaligen Foto-Tochter gerät der Agfa-Gevaert-Konzern, der jährlich drei Mrd. Euro umsetzt, durch sein zweifelhaftes Verhalten in ein schiefes Licht. Im November 2004 hatte er Agfa-Photo an die Nanno-Beteiligungsgesellschaft um den Investor Hartmut Emans verkauft, sich dabei aber vergaloppiert. Weil sich die Belgier mit dem Erwerber nicht über den endgültigen Preis einigen konnten, erschwerten sie im Gegenzug eine ausreichende Finanzausstattung des Leverkusener Unternehmens – was Agfa-Gevaert freilich abstreitet. Im Mai 2005 jedenfalls rutschte Agfa-Photo in die Pleite.
Arbeitsgerichte in Solingen und Düsseldorf bescheinigten dem belgischen Verkäufer anschließend, viele der 1 800 Agfa-Photo-Mitarbeiter beim Betriebsübergang hintergangen zu haben. Ihnen habe der Konzern verschwiegen, dass man nach dem Firmenverkauf keine Haftung mehr für ihre Ansprüche übernehmen werde, urteilten die Richter. Gegen die 20 Urteile des Landesarbeitsgerichts Düsseldorf hat Agfa-Gevaert Revision eingelegt.
Auch die von Emans kontrollierte Agfa-Photo-Holding bemüht derzeit ein Schiedsgericht, um die erworbenen Markenrechte nutzen zu können. Gevaert hatte sie ihr nach der Pleite kurzerhand entzogen, musste sie auf Anweisung der Richter aber – zumindest vorläufig – wieder herausrücken.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Geld aus Belgien kam nie in Leverkusen an.
Nun sieht sich auch Agfa-Photo-Insolvenzverwalter Ringstmeier von den Belgiern geprellt. Er hatte, um das Unternehmen am Laufen zu halten, nach dem Insolvenzantrag bis September 2005 weiter Fotopapiere, Filme, Chemikalien und Ersatzteile für Kopiergeräte produzieren lassen. Wert 85 Mill. Euro. Verkauft wurde die Ware vorwiegend über 35 ausländische Vertriebstöchter der ehemaligen Mutter Agfa-Gevaert, die sie an Fotogeschäfte und professionelle Fotografen auslieferte. Die Einnahmen sollten die Gevaert-Gesellschaften an die Leverkusener Agfa-Photo weiterleiten, doch dort kamen lediglich 27 Mill. Euro an.
Anspruch auf die gesamten Einnahmen der Gevaert-Töchter hat Agfa-Photo wohl nicht, wie Ringstmeier einräumt. Agfa-Gevaert habe nur die gezahlten Beträge weiterleiten müssen, während Zahlungsausfälle von Agfa-Photo getragen werden mussten. Doch einen Einblick, wie viel Geld die als Treuhänder beauftragten Vertriebsorganisationen eingenommen haben, gewährte Agfa-Gevaert dem Insolvenzverwalter bislang nicht.
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Deshalb will der Kölner Rechtsanwalt Ringstmeier gerichtlich gegen den belgischen Konzern vorgehen. „Der Gläubigerausschuss hat dazu vor wenigen Tagen grünes Licht gegeben“, sagte er. Weil Agfa-Gevaert sich weigere, die Fälle zu bündeln, müsse man rund um die Welt gegen die 35 Ländergesellschaften vorgehen. Für die Gläubiger bedeute dies einen erheblichen Kostenmehraufwand. Zu ihnen zählen neben Mitarbeitern und Lieferanten vor allem die Bundesagentur für Arbeit und der Pensionssicherungsverein.
Ein Sprecher von Agfa-Gevaert wollte auf Anfrage zu Details keine Stellung nehmen. Dies sei Sache interner Verhandlungen, sagte er.

