Agrochemie
Marktführer Syngenta stellt sich neu auf

Im Geschäft mit Pflanzenschutz und Saatgut zeichnet sich mittelfristig ein konstanter Margendruck ab. Deswegen hat Marktführer Syngenta sein Angebot radikal umstrukturiert und positioniert sich nun als Systemanbieter.

FrankfurtBesondere Qualitäten zeichnen das Geschäft mit Pflanzenschutz und Saatgut aus: Es ist zwar forschungsintensiver, dafür aber weniger konjunkturabhängig und liefert bisher weitaus höhere Renditen als die meisten anderen Segmente der Chemiebranche. Den rund 70 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 48 Milliarden Euro, großen Markt dominieren sechs Anbieter (siehe Grafik). Sie haben sich im Zuge einer Konsolidierungswelle zu Beginn der letzten Dekade formiert und konnten in den folgenden Jahren ihre Gewinne und Margen stetig steigern.

Doch inzwischen mehren sich Signale, dass in diesem lukrativen Segment der Chemiebranche die Grenzen des Gewinnwachstums erreicht sein könnten. Vor allem im Geschäft mit Pflanzenschutz sorgte ein wachsender Preiswettbewerb in den vergangenen zwei Jahren für Ertragsrückgänge, die die Unternehmen auch durch höhere Saatgutgewinne nicht kompensieren konnten. Für 2011 zeichnet sich zwar eine gewisse Erholung ab, mittelfristig dürfte der Druck auf die Margen aber anhalten. Umso intensiver wird in der Branche über neue strategische Konzepte nachgedacht.

Einen besonders radikalen Schwenk hat vor diesem Hintergrund der Branchenführer Syngenta vollzogen. Der Baseler Konzern - 2001 aus dem Zusammenschluss der Agrosparten von AstraZeneca und Novartis entstanden - will sich gewissermaßen von der Rolle als Produkthersteller verabschieden und künftig als eine Art Service-Unternehmen für die Agrarwirtschaft agieren. Syngenta, so das neue Konzept, wird im Markt nicht mehr als Anbieter von einzelnen Insektiziden, Fungiziden oder Saaten auftreten, sondern als Anbieter „integrierter Lösungen“ etwa für den Anbau von Reis, Weizen oder Mais.

Die neue Ausrichtung geht mit einer gravierenden Reorganisation einher. Davor Pisk, zuständig für das operative Geschäft, spricht von einem „Redesign des Konzerns“. Die Geschäftseinheiten sollen nicht mehr auf einzelne Produkte ausgerichtet sein, sondern auf einzelne Nutzpflanzenkulturen. „Es geht darum, einerseits unser Angebot an Kunden zu vereinfachen und gleichzeitig mehr Innovationen zu bringen, die helfen, die Produktivität in der Landwirtschaft zu steigern“, sagte Pisk. „Wir orientieren uns an der Herausforderung der Landwirte, mit einem immer komplexeren Umfeld fertigzuwerden.“

Syngenta ist inzwischen mit ersten Vorzeigeprojekten, etwa einem Konzept namens „Plene“ für den Anbau von Zuckerrohr, im Markt vertreten. Dabei handelt es sich um Zuckerrohrstecklinge, die bereits mit Chemikalien zur Saatgutbehandlung und Schädlingsbekämpfungsmitteln ausgestattet sind und maschinell gepflanzt werden können. Das Syngenta-Management glaubt, dass dieses System etwa 15 Prozent Produktivitätssteigerung gegenüber den herkömmlichen Anbaumethoden bringen kann.

Ein anderes Beispiel ist „Tegra“, ebenfalls ein mechanisiertes Anbausystem, aber für Reis. In diesem Fall liefert Syngenta anstatt Reissamen vorgezüchtete Stecklinge, die bereits mit Dünge- und Pflanzenschutzmittel für die erste Anbauphase ausgestattet sind. „Im Prinzip muss der Landwirt nur entscheiden, was er anbauen will. Wir kümmern uns um den Rest“, sagte Pisk.

Hinter der neuen Philosophie stehen handfeste kommerzielle Erwartungen. Syngenta geht davon aus, dass mit Hilfe der neuen Konzepte der Umsatz im Bereich der wichtigsten Nutzpflanzen (Ölsaaten, Reis, Zuckerrohr, Soja, Getreide, Gemüse und Mais) bis 2015 auf mehr als 17 Milliarden Dollar verdoppelt und der Marktanteil in der Agrochemie von derzeit rund 15 Prozent jährlich um einen halben Prozentpunkt gesteigert werden kann.

Die Integration der bisher getrennt agierenden Vertriebs- und Forschungseinheiten für Pflanzenschutz und Saatgut soll rund 650 Millionen Dollar an Synergien bringen. Erste Bereiche sind inzwischen integriert. Die Einsparungen verlaufen nach Plan, so Pisk.
Manche Analysten betrachten die Reorganisation angesichts des breiten Produktprogramms von Syngenta als überfällig. „Sie bietet das Potenzial für erhebliche Kostensenkungen, insbesondere im Vertrieb“, schätzt Agroexperte Heinz Müller von der DZ Bank.

Ob die Strategie wirklich neues Gewinnwachstum bringt, bleibt allerdings offen. Denn der Trend zur Margenerosion bei Agrochemikalien dürfte sich mittelfristig fortsetzen. Für die Hersteller von Pflanzenschutz wird es immer schwieriger, neue Wirkstoffe zu entwickeln und durch die Zulassungen zu bringen. Zugleich wächst die Konkurrenz durch Nachahmerprodukte, gerade bei älteren Angeboten.

Die Experten von JP Morgan schätzen, dass der Anteil der Pflanzenschutzprodukte, die unter Patentschutz stehen, inzwischen auf 25 Prozent gefallen ist - gegenüber mehr als 30 Prozent Ende der 90er-Jahre. Der Umsatzanteil von Nachahmerprodukten erreicht mittlerweile geschätzte 29 Prozent, Mitte der 90er-Jahre waren es noch elf Prozent. „Der Vormarsch der Generika bleibt ein langfristiges Risiko für die Preismacht der Originalhersteller“, folgern die JP-Morgan-Analysten.

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