Air-Show in Farnborough
Das Luftfahrt-Dilemma

Europas Airlines müssen in neue Flugzeuge investieren, um wieder wirtschaftlicher fliegen zu können. Das beschert den großen Herstellern Airbus und Boeing volle Auftragsbücher. Doch der Boom steht auf wackeligen Füßen.
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Zürich/München/FrankfurtWenn heute die Luftfahrtmesse in Farnborough startet, scheint die Krise auf den ersten Blick fern. Die Flugzeughersteller Boeing und Airbus liefern sich in der britischen Kleinstadt ein Wettrennen aus dem beide als Gewinner hervorgehen dürften. Die Auftragsbücher sind voll, die Produktion wächst und die Gewinne steigen.

Schon vor dem Start der Messe verkündete Flugzeugbauer Boeing 23 Bestellungen der modernisierten Version der B737 durch Virgin Atlantic. Die amerikanische Flugzeugleasinggesellschaft Air Lease (ALC) orderte gleich 75 Maschinen des Typs 737 Max. Die Order habe nach Listenpreis einen Wert von 7,2 Milliarden Dollar.

Erstmals seit vier Jahren wollen die Amerikaner dieses Jahr wieder mehr Flugzeuge ausliefern als der Konkurrent Airbus. Farnborough soll der Startschuss werden. Die 47 Milliarden Dollar, die bei der Messe vor zwei Jahren in den Auftragsbüchern der Flugzeughersteller standen, werden dieses Jahr wohl nicht erreicht. Doch Boeing und Airbus dürften darüber nicht besonders traurig sein. Ihre Auftragsbücher sind schon jetzt so prall gefüllt, dass Airlines durchschnittlich sieben Jahre auf eine modernisierte Version der A320 oder der B737 warten müssen. Um die Flut der Bestellungen zu bewältigen, müssen Airbus und Boeing ihre Produktion darum massiv ausweiten - um rund 45 Prozent in den kommenden drei Jahren.

Dagegen stehen die europäischen Airlines vor einem Dilemma: Einerseits müssen sie ihre Flotten modernisieren, um bei hohen Kerosinpreisen weiterhin wirtschaftlich zu fliegen. Andererseits können sie sich das nur mit massiven Sparprogrammen leisten. Wichtige Industriestaaten stecken in der Rezession. Zudem belasten zusätzliche Steuern und Abgaben die Bilanzen. Für die Airlines könnten die Milliardenbestellungen zum Selbstmord aus Angst vor dem Tod werden.

"Wir, die Airlines, sind die Letzten in der Futterkette", sagt Christoph Franz, Vorstandschef der Lufthansa, Europas größter Airline. Für die Zukunft sagt Franz ein Massensterben in der EU voraus. Laut Branchenkennern verfügt Amerika noch über eine Handvoll unabhängiger Fluggesellschaften, Europa über mehr als 30. Das wird so nicht bleiben. Denn allein für das Jahr 2012 erwarten Europas Fluggesellschaften ein Minus von fast einer Milliarde Euro.

2,6 Milliarden Dollar will die japanische Fluggesellschaft ANA in den kommenden Tagen bei ihren Investoren einsammeln, das Startkapital für einen radikalen Neubeginn. Monat für Monat treffen nagelneue Maschinen vom Typ Boeing 787 "Dreamliner" in Tokio ein, seit Januar fliegt der "Dreamliner" täglich nach Frankfurt. Sechs Maschinen sind bislang im Einsatz, 49 weitere will ANA in den kommenden Jahren in Betrieb nehmen und damit die Konkurrenz in Europa und den USA angreifen.

ANA ist Erstkunde für den Dreamliner, den Wundervogel aus Kohlefaser, den Boeing erst seit einem halben Jahr ausliefert. Mehr als 800-mal hat Boeing den neuen Superflieger vor der Erstauslieferung verkauft. Und er hält, was der Hersteller verspricht: 21 Prozent weniger Sprit verbraucht der Dreamliner gegenüber dem Vorgängermodell Boeing 767, sagt ANA. Für eine Branche, die mittlerweile mehr als die Hälfte ihrer Erlöse für Kerosin ausgibt, sind solche Einsparungen eine Überlebensfrage.

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