Aktie von Tepco stürzt nach Kraftwerksstopp ab
Erdbeben belastet Tokios Energieversorger

Das Erdbeben in Japan am vergangenen Montag wird in der Bilanz des Energieversorgers Tokyo Electric Power (Tepco) deutliche Spuren hinterlassen.

TOKIO. Die Kosten für einen Tag Stillstand eines Reaktorblocks beziffert Tepco mit rund 100 Mill. Yen. Das Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa im Erdbebengebiet kann jedoch aller Voraussicht nach erst in einigen Monaten wieder ans Netz: Einerseits muss Tepco zahlreiche Schäden beseitigen und ein Reaktorgebäude dekontaminieren, andererseits sind möglicherweise Bauarbeiten zur Verstärkung der Erdbebensicherheit nötig. Bei sieben Reaktorblöcken und etwa 240 Tagen bis zum Bilanzstichtag am 31. März 2008 entstehen demnach nach Kosten von rund 170 Mrd. Yen. Dazu kommen die Ausgaben für Reparaturen und Bauarbeiten sowie für den Einkauf von Brennstoff wie Kohle und Öl für konventionelle Kraftwerke, um den Ausfall zu kompensieren. Im Jahr 2006 lag der Nettogewinn Tepcos bei 298 Mrd. Yen.

Die Aktie des weltweit viertgrößten Versorgers nach EDF, Eon und RWE verliert dementsprechend seit dem Erdbeben im Bereich der von der Börse festgesetzten Verlustlimits. Anfang Juli lag sie noch bei 4 050 Yen, am Montag ging sie mit 3 230 Yen aus dem Handel, was einem Wertverlust von 20 Prozent entspricht. Vermutlich dauert es noch bis September, bis Tepco-Mitarbeiter das am schlimmsten getroffene Reaktorgebäude überhaupt gründlich inspizieren können. Um an den Reaktorkern heranzukommen, müssen die Kraftwerksarbeiter zunächst radioaktives Wasser entfernen, dass über einen Kabelschacht aus einem Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente in ein anderes Stockwerk gelaufen war. Die Kontamination befindet sich direkt über den Druckbehälter, den Fachleute begutachten müssten, um den Zustand der aktuellen Brennelemente und der Geräte um diese herum zu begutachten. Bis das möglich ist, kann es Tepco-Angaben zufolge noch Wochen dauern.

Bisher sind die Arbeiten auf dem Kraftwerksgelände noch schwierig, weil die Straßen von Rissen unterbrochen sind. An vielen Stellen hat sich die Erde aufgeworfen. Kashiwazaki-Kariwa ist von der Kapazität her das größte Kernkraftwerk der Welt. Im August kommt der jährliche Spitzenverbrauch auf Tepco zu, weil die Tokioter ihre Klimaanlagen hochfahren. Der Versorger muss mit Sicherheit Strom von japanischen Konkurrenten zukaufen. Wenn der Sommer richtig heiß wird, könnten die Tokioter zum Energiesparen aufgerufen werden.

Am vergangenen Montag hatte ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richterskala außer der Stadt Kashiwazaki 250 Kilometer nördlich von Tokio auch das nahe gelegene Kernkraftwerk getroffen. Es war nur auf halb so starke Erdstöße ausgerichtet. Tepco steht zudem in der Kritik, weil die eigenen Leute vor Ort nicht in der Lage waren, einen Trafobrand zu löschen und Meldungen über entweichende radioaktive Isotope verspätet beim zuständigen Wirtschaftsministerium in Tokio eingingen. Insgesamt zählt Tepco derzeit 63 relevante Schäden an der Anlage. Direkt nach dem Beben hatte die Bedienmannschaft die Dienstanweisung für Erdbeben nicht exakt befolgt, wodurch strahlende Isotope auch in die Luft entweichen konnten. Die japanische Regierung erwägt, im vergangenen Jahr erlassene Richtlinien zur Reaktorsicherheit auch rückwirkend anzuwenden, was eine Aufwertung der Erdbebensicherheit in Kashiwazaki nötig machen würde.

Der erweiterte Großraum Tokio mit über 40 Mill. Einwohnern gehört wegen der aktiven Industrie und dem Einsatz von Klimaanlagen zu den energiehungrigsten Gegenden der Welt.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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