Aktienoptionen
Schrempps Optionsplan war ein Ausrutscher

Die Aktienoptionen für den ehemaligen Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp haben eine Diskussion um sinnvolle Vergütungsregelungen für Vorstände ausgelöst. Experten halten sogar eine Klage gegen das überdimensionierte Gehaltspaket für Schrempp für möglich. „Diese Zahlen sind ein Skandal“, heißt es – und ganz bestimmt nicht alltäglich.

Wie das Handelsblatt am Montag berichtete, profitiert Schrempp nachträglich von seinen Fehlern, die der neue Daimler-Chrysler Vorstandschef Dieter Zetsche jetzt korrigiert. Unter Schrempp fiel der Aktienkurs seit der Fusion von Daimler und Chrysler um bis zu 76 Prozent. Die in dieser Zeit ausgegebenen Aktienoptionen gewinnen seit Schrempps Rücktritt immer stärker an Wert. Derzeit könnte er einen Gewinn von mehr als 50 Mill. Euro einstreichen. Sollte der Kurs von Daimler-Chrysler den Wert von 100 Euro erreichen, den die Aktie zu Beginn der Fusion hatte, könnte Schrempp mehr als 100 Mill. Euro Gewinn verbuchen. Dem Gesamtvorstand stünden fast 700 Mill. Euro zu.

„Diese Zahlen sind ein Skandal“, sagt Professor Marcus Lutter, Leiter des Zentrums für europäisches Wirtschaftsrecht der Universität Bonn. Seiner Ansicht nach hat der Aufsichtsrat von Daimler-Chrysler klar gegen Paragraph 87 des Aktiengesetzes verstoßen, nach dem die Vergütung des Vorstandes „angemessen“ sein muss. „Die Summen, mit denen da bei Daimler hantiert wurde, sind aber fern jeder Angemessenheit“, sagt Lutter, der auch in der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex sitzt.

Lutter hält ebenso wie der Wirtschaftsrechtler Professor Michael Adams aus Hamburg eine Klage gegen das Vergütungsprogramm von Daimler-Chrysler für möglich. Gleichzeitig sind die Experten aber nicht der Meinung, Aktienoptionen seien als Leistungsanreiz für Vorstände grundsätzlich falsch.

„Aktienoptionen sind dazu gedacht, den Vorstand zum Unternehmer zu machen“, sagt Adams. Dieses Vergütungsinstrument sei aus der Angst der Aktionäre entstanden, ein Vorstand würde sich nicht genug anstrengen, wenn er lediglich ein hohes Fixgehalt bekäme. Viele Aufsichtsräte hätten in den vergangenen Jahren aber den Fehler gemacht, die Bezahlung der Führungskräfte an die falschen oder zu wenige Variablen zu knüpfen und nicht rechtzeitig zu kappen. Wenn ein Vorstand wie Schrempp noch fünf Jahre nach seinem Ausscheiden von den Leistungen seiner Nachfolger profitiert, dann sei das ein reines Geschenk.

Profis in Sachen Vergütung verweisen darauf, dass es Aktienoptionen in Deutschland erst seit zehn Jahren gibt und man nun gewissermaßen die Folgen anfänglicher Naivität mit diesem Instrument beobachten kann. „Die Logik der Aktienoption ist auf den ersten Blick bestechend“, sagt Michael Kramarsch, der Deutschlandchef der Unternehmensberatung Towers Perrin. „Wenn sich der Aktienkurs positiv entwickelt, profitieren Vorstände stark, wenn er fällt, sinkt auch die Vergütung.“

Das Problem sei nun, dass ausgerechnet in die Zeit, in der in Deutschland erstmals Optionsprogramme ausgegeben wurden, der Zusammenbruch der New Economy mit anschließendem Börsencrash fiel, und die Kurse seitdem praktisch durchweg gestiegen sind. Die Wirkungen von Optionsprogrammen der ersten Stunde wie bei Daimler hätten sich also immer weiter gesteigert.

Inzwischen haben die Aufsichtsräte laut Kramarsch dazugelernt. Der variable Teil des Vorstandsgehalts werde bei den meisten Unternehmen nicht an den Aktienkurs gebunden, sondern im Branchenvergleich ermittelt. Extreme Ausschläge seien damit verhindert. Außerdem würden Vergütungen meist gedeckelt. Auch außerordentlich gute Jahre können so nicht mehr zu derart absurden Beträgen führen wie bei Schrempp und seinen Vorstandskollegen.

Hinzu kommt eine Verkürzung der Laufzeit von früher bis zu zehn auf in der Regel drei Jahre. Die Unternehmen seien heute auch deshalb vorsichtiger mit solchen Programmen, weil die Vergütung mit Optionen in der Bilanz genauso abgebildet werden muss wie diejenige in Geld.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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