Der Unmut über das Management von Daimler-Chrysler war auf der Hauptversammlung allenthalben zu spüren. 13 Stunden lang debattierten die nach Berlin gereisten Anteilseigner vor allem über die Abtrennung der defizitären US-Tochter. Für Konzernchef Dieter Zetsche und seine Kollegen ging das Aktionärstreffen dennoch glimpflich aus.
HB/hz/mm/mwb BERLIN. Die Hauptversammlung hat am Mittwochabend mit großer Mehrheit die von zwei kritischen Aktionären beantragten Sonderprüfungen abgelehnt. Uni-Professor Ekkehard Wenger und sein ebenfalls in Würzburg lehrender Kollege Leonhard Knoll wollten mögliche Verstöße des Managements gegen Sorgfaltspflichten aufdecken. Die beiden Aktionäre monierten Managementfehler bei der umstrittenen Fusion von Daimler-Benz und Chrysler im Jahr 1998 sowie bei der Ausgabe von Aktienoptionen. Auch wegen der laufenden Ermittlungen der US-Justiz zu Korruption durch Daimler-Mitarbeiter sowie der Vergütung des früheren Vorstandschefs Jürgen Schrempp wollten Wenger und Knoll Sonderprüfungen erreichen. Damit sollte die Grundlage für Schadenersatzansprüche gegen amtierende und ehemalige Vorstände und Aufsichtsräte gelegt werden.
Die Aktionäre stimmten aber mit überwältigender Mehrheit gegen die beantragten Sonderprüfungen. Ebenso fanden die von den Professoren beantragten Änderungen der Satzung – unter anderem zur Umwandlung des Unternehmensnamens in Daimler-Benz AG sowie zur Änderung der Rechtsform in eine Europäische Aktiengesellschaft – nur wenige Fürsprecher. Es bestehe derzeit kein Anlass für eine Umbenennung und der Name Daimler-Chrysler sei weltweit bekannt, lautete die Begründung des Managements.
Vorstand und Aufsichtsrat hatten auf dem von rund 8 000 Anteilseignern besuchten Aktionärstreffen ihre Ansicht bekräftigt, die Satzungsänderungen seien nicht erforderlich und unzweckmäßig. Für die beantragten Sonderprüfungen gebe es keinen Anlass, Aufsichtsrat und Vorstand kämen ihren Sorgfaltspflichten nach. Beide Gremien wurden bei wenigen Gegenstimmen von den Anteilseignern erwartungsgemäß entlastet. Die Zustimmungsquoten bewegten sich zwischen 96 und 97 Prozent.
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Größter Einzelaktionär von Daimler-Chrysler ist das Emirat Kuwait vor der Deutschen Bank mit noch 4,4 Prozent des Kapitals. Die restlichen Aktien sind im Streubesitz; zahlreiche Fondsgesellschaften halten größere Paket von bis zu 3 Prozent. Bei den Abstimmungen waren 39,2 Prozent des Kapitals anwesend.
Die relative Geschlossenheit hinter dem Management des Konzerns überrascht, hatten zahlreiche institutionelle Investoren und Kleinanleger doch zuvor nicht mit Kritik gespart. Sie zogen eine verheerende Bilanz der Fusion mit dem US-Autobauer Chrysler und sprachen sich auf dem Aktionärstreffen in Berlin für eine rasche Trennung aus. Wenn Chrysler „am Ende zum Scheidungsrichter geführt würde, wären wir sehr dankbar“, sagte Henning Gebhardt, Fondsmanager der größten deutschen Investmentgesellschaft und Deutsche-Bank-Tochter DWS. „Ein Verbleib von Chrysler im Konzern ist keine Option“, sagte auch der Sprecher der Kleinaktionärsvereinigung DSW, Hans Richard Schmitz.
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Wie erwartet wurde der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Clemens Börsig, von der Hauptversammlung in das Kontrollgremium des Autoherstellers gewählt. Auf der anschließenden konstituierenden Sitzung hat der Aufsichtsrat dann Manfred Bischoff zum neuen Vorsitzenden gewählt. Der Co-Chef des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS löst den ehemaligen Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper ab, der wie erwartet aus dem Kontrollgremium ausscheidet. Der 72-jährige Kopper gibt das Amt nach mehr als 17 Jahren ab.
Auch die von Vorstand und Aufsichtsrat vorgeschlagene und seit Jahren unveränderte Dividende von 1,50 Euro pro Aktie wurde von der Mehrheit der Anteilseigner in Berlin durchgewunken.
Zetsche forciert Chrysler-Verkauf
Im Mittelpunkt des Interesses der Aktionäre stand jedoch der Verkauf von Chrysler. Neun Jahre nach dem Zusammenschluss von Daimler-Benz mit dem US-Autobauer rückt das Ende der transatlantischen Autoehe näher. Nach Informationen aus Branchenkreisen strebt Daimler-Chrysler beim laufenden Bieterprozess um die angeschlagene US-Tochter noch bis Ende April die Auswahl eines exklusiven Verhandlungspartners unter den Interessenten an. Vorstandschef Dieter Zetsche räumte auf der Hauptversammlung in Berlin erstmals Gespräche mit mehreren potenziellen Investoren für Chrysler ein. Weitere Details wollte der Konzernchef nicht nennen. Daimler müsse sich alle Optionen offen halten, um größtmöglichen Handlungsspielraum zu haben.
Nach Informationen aus Verhandlungskreisen zählen die Finanzinvestoren Cerberus, Blackstone sowie der kanadische Autozulieferer Magna, der ebenfalls mit einem Finanzinvestor zusammenarbeitet, zu den Bietern. Zetsche hatte Mitte Februar angekündigt, zusätzlich zu einem neuen Sparprogramm alle Optionen für Chrysler zu prüfen, was auch eine Partnerschaft oder einen Verkauf einschließt.
Daimler dringt auf einen schnellen Abschluss. Nachdem Ende vergangener Woche die ersten vorläufigen Angebote für die US-Sparte eingegangen waren, gerät der Bieterprozess nun in seine heiße Phase. Zetsche reagiert auf den wachsenden Druck des Finanzmarktes.
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Nach Aussage Zetsches wird das im Februar verkündete Sanierungsprogramm mit dem geplanten Abbau von 13 000 Stellen bis 2009 in den USA und Kanada die US-Tochter bereits kommendes Jahr wieder in die Gewinnzone führen. Chrysler hatte 2006 einen Verlust von 1,1 Mrd. Euro eingefahren. „Alles läuft nach Plan“, sagte der Konzernchef. Die zuletzt von der Hoffnung der Anleger auf eine schnelle Trennung von der US-Tochter getriebene Aktie war am Mittwoch mit einem Minus von 1,45 Prozent auf 61,10 Euro einer der wenigen Verlierer im Dax.
Nach Informationen der US-Zeitung „Detroit News“ sind die Erwartungen von Zetsche an den Kaufpreis inzwischen gestiegen. Daimler hofft demnach, bei dem Deal rund acht Mrd. Dollar für die defizitäre US-Sparte herausholen zu können. Aus Verhandlungskreisen hatte es bislang geheißen, dass bei einem Chrysler-Verkauf zwischen vier bis sechs Mrd. Dollar herausspringen dürften.
Ein Verkauf der US-Tochter an einen Private-Equity-Fonds stößt jedoch auf den Widerstand der einflussreichen Gewerkschaftsvertreter im Konzern. „Wir haben kein Interesse daran, dass Chrysler an Heuschrecken veräußert wird“, warnte kürzlich der Stuttgarter IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann. Dies könnte die Chancen von Magna auf einen Zuschlag verbessern, der bislang der einzige bekannte industrielle Interessent für den US-Autobauer ist.
Angesichts der sich abzeichnenden Trennung von Chrysler rückt auch eine Namensänderung näher. Als neuer Name für den Autokonzern, der dann im Wesentlichen aus einer starken Mercedes-Gruppe, einem Finanzdienstleistungsgeschäft und einem profitablen LKW-Hersteller bestünde, ist laut Firmenkreisen „Daimler-Group“ im Gespräch.
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Markenexperten favorisieren jedoch den alten Namen Daimler-Benz. Manfred Gotta, Inhaber der Agentur Gotta Brands und Erfinder so klingender Namen wie Twingo oder Xetra, sagte gegenüber Handelsblatt.com, mit Daimler-Benz kämen klassische Werte im Unternehmen wieder stärker zum Tragen. Unbewusst hätte der neue alte Name auch Einfluss auf das Kaufverhalten. Im Prinzip wären wahrscheinlich sehr viele Leute wieder beruhigt; das würde man sicherlich auch am Aktienkurs sehen.
Auch Bernd Samland, Geschäftsführer der Namensagentur Endmark, setzt auf den alten Namen: „Daimler-Benz ist ein eingeführter Name mit altem Imagewert“. Auch die psychologischen Wirkungen einer Namensänderung dürften nicht unterschätzt werden. Sowohl für die Belegschaft, als auch für die Aktienmärkte signalisiere eine mögliche Umbenennung in Daimler-Benz eine Rückbesinnung auf die Kernkompetenz, sagte Samland.
Audio-Interview: Warum Namenserfinder Gotta vom Konzernnamen Mercedes-Benz abrät
Auch Wirtschaftspsychologe Klaus Moser hält eine Rückkehr zum alten Namen für sinnvoll. „Das würde einen Glaubwürdigkeitgewinn bedeuten“, sagt der Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg. Mit einer Marke sollten die Menschen Positives verbinden. Dies habe Daimler-Chrysler aber zum Großteil verspielt. Der bisherige Name Daimler-Chrysler stehe für eine Serie von Misserfolgen. „Ein Eheberater hätte schon lange zu einer Trennung geraten und zur Annahme des vorherigen Namens.“

