Volkswagen hat mit dem Einstieg bei MAN alle Trümpfe im Übernahmepoker um den schwedischen Lkw-Hersteller Scania in der Hand. Der lange Zeit geschmähte VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder zeigt sich dabei als geschickter Spielmacher. Sein Vorbild: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.
FRANKFURT. Kurz schaut VW-Chef Bernd Pischetsrieder seinem Gegenüber in die Augen, seine Lachfalten vertiefen sich. „Ich will eine kreative Rolle spielen“, sagt der Konzernchef im feinen Restaurant Taillevant nahe der Prachtstraße Champs-Élysées zum Übernahmepoker um Scania. Eine Woche später ist klar, was Pischetsrieder darunter versteht. Der 58-jährige Konzernlenker mit dem König-Ludwig-Bart hält mit dem überraschenden Schachzug, gut 15 Prozent am Münchener MAN-Konzern zu erwerben, nun alle Trümpfe in der Hand. Für Pischetsrieder, der im Mai dieses Jahres noch um seine Vertragsverlängerung kämpfen musste, ist das der lang ersehnte große Coup. Der Bayer an der Spitze von Europas größtem Autokonzern erweist sich nach Monaten von Pleiten, Pech und Pannen als gewiefter Stratege – und kontert MAN-Chef Håkan Samuelson brillant aus. Der Ex-BMW-Chef nimmt damit seinen Kritikern den Wind aus den Segeln und baut seine zuletzt umstrittene Machtposition aus.
Was für ein Kontrast. Noch Anfang Mai lieferte sich der Aufsichtsrat von VW im 5-Sterne-Hotel Atlantic an der Hamburger Außenalster ein stundenlanges Scharmützel um die Zukunft des VW-Chefs, das Pischetsrieder schließlich als angeknockter Sieger verlässt. Gekonnt lächelnd, reichen sich VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und Pischetsrieder am nächsten Morgen auf dem Podium des Hamburger Congress Centrums die Hände, drei Minuten und 45 Sekunden demonstrative Einigkeit. Doch hinter den Kulissen brodelt es. Nur mit reger Pendeldiplomatie – immer wieder Vier-Augen-Gespräche, Treffen kleinerer Gruppen, getrennte Strategiemeetings von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern – war es am Vorabend gelungen, die Spitzenpersonalie gegen den ursprünglichen Widerstand der Arbeitnehmerbank durchzudrücken. Auf ein Wort der Gratulation zur Wahl für Pischetsrieder von Piëch, der lange Zeit für Audi-Chef Martin Winterkorn als neuem Mann an der Konzernspitze gekämpft hatte, warten die Aktionäre in Hamburg aber vergeblich.
Doch vorbei und vergessen. Der Top-Manager, den viele für einen Zauderer halten, meldet sich mit dem MAN-Coup eindrucksvoll zurück. Für Pischetsrieder ist dies der zweite Achtungserfolg innerhalb von acht Tagen. Bereits Ende vergangener Woche kippte VW in Verhandlungen mit den Arbeitnehmern die Vier-Tage-Woche und machte so einen weiteren Schritt zur Sanierung der angeschlagenen Kernmarke. Doch das Management scheitert mit dem vor allem von VW-Markenchef Wolfgang Bernhard postulierten Ziel, zur 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zurückzukehren. Der Tarifkompromiss trägt deshalb keine glanzvollen Züge, viele Analysten bleiben skeptisch. Erst der MAN-Einstieg findet den einhelligen Jubel der Investoren und Finanzmärkte. Denn Pischetsrieder wird nun im Übernahmepoker zur zentralen Figur und setzt sein strategisches Ziel einer Sperrminorität von 25 Prozent am neuen Konzern nach einer Übernahme von Scania durch MAN durch. Eine Volkswagen-Sprecherin betonte, eine vollständige Übernahme von MAN sei nicht geplant.
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Pischetsrieder verfährt damit offenbar nach dem Motto: „Von Porsche lernen, heißt Siegen lernen.“ „15 Prozent ist Porsche-Handschrift. So ähnlich haben sie das bei VW auch gemacht“, sagt ein Analyst. Erst vor einem Jahr war der Stuttgarter Sportwagenbauer bei VW eingestiegen und will seinen Anteil, sobald die Genehmigung der Kartellbehörden vorliegt, auf 25,1 Prozent aufstocken. Nach deutschem Aktienrecht müssten die Unternehmen ab 30 Prozent eine Übernahmeofferte an alle übrigen Anleger unterbreiten – ein kostspieliges Unterfangen, das sowohl Pischetsrieder als auch Porsche-Chef Wendelin Wiedeking möglichst vermeiden möchten.
Auch die Begründung für den MAN-Einstieg von Pischetsrieder erinnert an Wiedekings spätere Rechtfertigung des Deals. „Angesichts von Hinweisen im Markt auf einen unfreundlichen Übernahmeversuch durch Dritte ist diese Beteiligung an MAN zur Sicherung der Interessen von Volkswagen erforderlich“, heißt es in der Mitteilung des Konzerns. Auch Porsche hatte damals seinen Einstieg mit einem möglichen Zugriff Dritter auf VW erklärt.
Noch in einem weiteren Punkt dürfte Pischetsrieder sich an Wiedeking orientieren: Der VW-Chef wird als neuer MAN-Großaktionär ebenfalls auf einen Platz im Aufsichtsrat drängen und sich in die Geschäftspolitik der Münchener einmischen. Auf MAN-Chef Samuelsson dürfte damit der Druck wachsen, die bereits eingeleitete Konzentration des Konzerns auf den Kernbereich zu beschleunigen. Pischetsrieder strebt einen schlanken Nutzfahrzeugriesen unter Einbringung des VW-LKW-Geschäfts in Brasilien an, glaubt ein Experte. An MAN-Beteiligungen wie Ferrostaal sei sein Interesse dagegen wohl gering. „Das Vorgehen von Volkswagen ist in keinerlei Hinsicht als unfreundlich beabsichtigt“, heißt es indes ausdrücklich bei VW.
Pischetsrieder genießt den Triumph still. Während seine Juristen am Dienstag letzte Hand an den Deal legen, begeht er noch in Begleitung von Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff den Tag der Deutschen in Moskau. Erst gestern ist er wieder zurück in Wolfsburg und feiert den Coup wie es seine Art ist: ruhig, bei einer Havanna.
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13. September: Der LKW-Hersteller MAN bestätigt erstmals, dass er ein konkretes Interesse an der Übernahme des Konkurrenten Scania hat. Es gebe eine industrielle Logik für eine solche Kombination, teilt MAN-Chef Hakan Samuelsson mit. Er will mit der Übernahme zur Nummer eins im europäischen LKW-Markt aufsteigen. Die Kosten des Deals werden auf rund zehn Mrd. Euro geschätzt.
18. September: Der MAN-Vorstoß trifft auf Widerstand: Die beiden Großaktionäre von Scania, Volkswagen und Investor, lehnen das Übernahmeangebot ab. VW pocht auf einen höheren Aktienanteil an einem MAN-Scania-Konzern.
25. September: VW-Chef Pischetsrieder will ein neues Angebot von MAN. Ihn stört, dass die Münchener für B-Aktien mit einfachem Stimmrecht den selben Preis zahlen wollen wie für eine A-Aktie, die ein Mehrfachstimmrecht gewährt.
3. Oktober: Spekulationen um ein mögliches Gegenangebot von VW und Scania für MAN lassen den MAN-Aktienkurs auf ein Allzeithoch steigen.
4. Oktober: Der VW-Konzern übernimmt 15 Prozent an MAN.

