Alno
Jörg Deisel: Resoluter Küchenchef

Jörg Deisel ist noblere Adressen gewohnt, doch nun sitzt er im beschaulichen Pfullendorf in der oberschwäbischen Provinz, Heimat des zweitgrößten deutschen Küchenherstellers Alno. Schneller als geplant hat er es an die Alno-Spitze geschafft – jetzt muss er zeigen, dass er dem Möbelhersteller eine langfristige Perspektive geben kann.

STUTTGART. „Ich habe in meinen 28 Berufsjahren meist nur Sanierungsjobs gemacht. Ich bin hier genau richtig“, sagt der gebürtige Karlsruher, der zwischen seinen Auslandsstationen irgendwann nahe Dortmund Wurzeln geschlagen hat. Dort lebt seine Frau, und dort steht die Harley-Davidson in der Garage. Sie wird etwas einstauben, denn viel Zeit für Ausflüge wird nicht sein. Darüber ist sich der ehemalige Motorsportler im Klaren.

Der Sanierungsexperte ist keiner, der viel Zeit verliert. Im vergangenen Herbst heuerte er als designierter Nachfolger von Alno-Chef Georg Kellinghusen an, den er eigentlich erst im März 2010 beerben sollte. Aufsichtsratschef Hans-Peter Hase schickte den Machertyp schon jetzt ins Rennen: Seit Anfang des Monats steht Deisel an der Alno-Spitze.

Bei der Vergangenheitsbewältigung auf der gestrigen Bilanzkonferenz nimmt Deisel kein Blatt vor den Mund. „Alno lag auf der Intensivstation. Mein Vorgänger hat dem Patienten das Leben gerettet“, sagt Deisel nüchtern. Jetzt komme die noch schwierigere Aufgabe, den Patienten von den Schläuchen abzuklemmen und erfolgreich durch die Reha zu bringen. Deisel beansprucht dabei die absolute Kontrolle über die beiden Lebensadern des Unternehmens. Als Chef wird er weiter über Vertrieb und Produktion wachen.

Deisel geht es forsch an: „Die Küchenindustrie muss noch viel von anderen Branchen lernen.“ Er möchte seine Erfahrungen aus den Jobs bei Pilkington, Ceramtec, Dynamit Nobel und Gagfah einbringen. Beispiel? Es könne doch nicht angehen, dass in der Branche jede zweite Küche reklamiert werde, moniert er. In der Autoindustrie sei so etwas undenkbar. Einwände von Branchenexperten, dass bei individuell eingebauten Küchen jeder Kratzer als Reklamation gezählt werde, wischt Deisel vom Tisch. „Das darf keine Ausrede sein.“

Küchen seien nach Haus und Auto die größte Investition der Kunden. Sie sollten dabei Lust und nicht Frust empfinden. Und dafür brauche Alno bessere Prozesse vom Band bis zum Kunden. Bei solchen Exkursen werden Deisels Lippen noch schmaler als ohnehin schon. Im Stakkato redet er von Ertragsqualität, Produktmix, Rohertragsmarge – Managerrhetorik. „Cash ist King“, darauf werde sein Fokus liegen. Das ist auch dringend notwendig. 90 Mio. Euro Umsatz hat Alno 2008 verloren und fiel mit 511 Mio. Euro hinter Nobilia zurück. Trotzdem schaffte Alno nach mehreren Verlustjahren 2008 wieder einen kleinen operativen Gewinn – vor allem wegen des Stellenabbaus. Unter dem Strich fiel wegen der Sanierungskosten noch ein Verlust von 22,6 Mio. Euro an. Aber die Finanzierung für den Konzern mit noch 2 000 Beschäftigten sei gesichert. Deisel will die Schulden abbauen und das Auslandsgeschäft ankurbeln.

So die Ziele. Aber es könnte schon bald wieder ungemütlich werden. Denn Sorge bereitet Deisel Großabnehmer Quelle, der nach der Insolvenz seiner Mutter Arcandor ums Überleben kämpft. „Wir sind mit Quelle in Kontakt“, sagt er. Aber selbst wenn Quelle ausfällt, will er Rendite und Umsatz steigern. Konkret beziffern will er die Ziele jedoch nicht: Auch der forsche Küchenchef will sich lieber nicht die Finger verbrennen.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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