Altersarbeit
Neuer Trend in der Autoindustrie

Ob Produktion, Verwaltung oder Forschung – überall in der Automobilindustrie steigt das Durchschnittsalter rasant an. Einerseits fehlen Fachkräfte, andererseits steigt das Renteneintrittsalter. Erste Unternehmen starten Modellprojekte, in denen die Arbeitsplätze an die neuen Anforderungen älterer Beschäftigter angepasst werden.
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MÜNCHEN. In der deutschen Autoindustrie wird es langsam grau. „Wir wissen, dass die Demografie gnadenlos bei uns zuschlagen wird“, sagt BMW-Personalchef Harald Krüger. Auch beim Rivalen Audi hat das Thema Alter inzwischen höchste Priorität. „In fünf Jahren ist jeder dritte Beschäftigte bei uns über 50 Jahre alt“, sagt ein Audi-Sprecher.

Ob Produktion, Verwaltung oder Forschung – überall steigt das Durchschnittsalter rasant an. Die Autohersteller sehen sich als Brennpunkt einer gesellschaftlichen Entwicklung, die nicht mehr umkehrbar ist. Einerseits fehlen Fachkräfte, andererseits steigt das Renteneintrittsalter. „Wir werden zunehmend Menschen in der Produktion haben, die älter als 60 Jahre alt sind“, sagt BMW-Manager Krüger. Vorstände und Aufsichtsräte werden bei BMW weiter mit 60 in den Ruhestand geschickt.

In der Produktion sieht das anders aus: Im BMW-Werk Dingolfing steigt das Durchschnittsalter bis zum Jahr 2017 von jetzt 39 auf 47 Jahre. Für die Münchener ist der Standort in Niederbayern eine Art Lebensversicherung. Die fast 20.000 Beschäftigten bauen hier die Modelle der 5er-, 6er- und 7er-Reihe, die profitabelsten Produkte des Konzerns. Sinkt hier die Produktivität, droht dem Unternehmen nachhaltiger Schaden.

Deshalb hat BMW in dem Modellprojekt „Altersstruktur 2017“ bereits in Teilen des Werks simuliert, wie eine durchschnittlich 47 Jahre alte Belegschaft gut arbeiten kann: Der Werksboden wurde besser gefedert, die Schriften an den Bildschirmen vergrößert, Lupen an den Werkzeugschränken angebracht. Außerdem überwachen Gesundheitsmanager die Arbeitsabläufe und halten die Beschäftigten zu ergonomischen Bewegungsabläufen an. In den Pausen werden Ausgleichsübungen und Gymnastik angeboten. Auch Konkurrent Audi produziert inzwischen seinen Supersportwagen R8 mit vorwiegend älteren Beschäftigten. Auch hier soll das Konzept „Silver Line“ wichtige Erkenntnisse für künftige Fertigungsprozesse liefern. Die Ergebnisse der zwei Pilotversuche: Die Produktivität erhöht sich sogar, wenn die Produktion altersgerecht ausgerichtet wird.

Für die Autohersteller ist das altersgerechte Arbeiten ohne Alternativen. Betriebsräte und Gewerkschaften drängen auf die in der Krise ausgehandelten Standortgarantien, nachdem allein BMW in Deutschland rund 8.000 Jobs abgebaut hat. Dafür hat BMW fast eine halbe Milliarde Euro an Abfindungen bezahlt. Das war noch vor dem Fachkräftemangel.

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