Altersteilzeit
IG Metall öffnet sich betrieblichen Lösungen

Nach einer Serie bundesweiter Warnstreiks ist im Altersteilzeit-Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie überraschend eine Einigung in greifbare Nähe gerückt.

BERLIN. Die IG Metall zog am Sonntag ihre Drohung zurück, die für heute geplanten Tarifverhandlungen platzen zu lassen. Stattdessen signalisierte sie ihre Bereitschaft zu einem Kompromiss. Danach würde die Gestaltung der Regeln zum vorgezogenen Ruhestand für die Zeit ab 2010 vorrangig in die Hände von Betriebsleitungen und Betriebsräten gelegt. Der Tarifvertrag würde dann nur noch eine Auffanglinie definieren, falls es im Betrieb zum Streit kommt.

„Wir haben ein hohes Interesse an möglichst betriebsnahen Lösungen“, sagte IG-Metall-Verhandlungsführer Jörg Hofmann dem Handelsblatt. Entscheidend sei, per Tarifvertrag eine Basis dafür zu schaffen, dass in den Betrieben tatsächlich über Altersteilzeit verhandelt werde. Auch der Arbeitgeberverband Südwestmetall hält nun eine zügige Lösung für möglich. Offenbar haben die Tarifparteien seit einer ergebnislosen Verhandlungsrunde am vergangenen Mittwoch intern wichtige Vorklärungen erreicht. „Wir wären nicht in die neuen Gespräche gegangen, wäre man noch auf dem Stand vom Mittwoch“, bestätigte ein Sprecher.

Die geplante Lösung soll dem Umstand Rechnung tragen, dass der Wunsch nach Fortführung der Altersteilzeit je nach Betrieb sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Firmen mit hohem Anteil an Beschäftigten in körperlich belastenden Berufen sind ähnlich wie die IG Metall daran interessiert, dass eine attraktive Ausstiegsoption erhalten bleibt. Doch wollen sich die Arbeitgeber insgesamt nicht länger verbindlich verpflichten, dass auch solche Beschäftigten ein gut dotiertes Angebot erhalten, die nicht wirklich darauf angewiesen sind.

Bisher können Metaller beispielsweise schon mit 62 in Ruhestand gehen – ohne größere finanzielle Einbußen, wie sie sonst durch Rentenabschläge entstehen würden. Dabei treten sie dann mit 59 in eine insgesamt sechsjährige Altersteilzeitphase. In der Praxis wird dafür fast durchweg das „Blockmodell“ genutzt: Sie arbeiten die ersten drei Jahre voll weiter und steigen nach dem dritten Jahr ganz aus. Für 50 Prozent Arbeitsleistung erhalten die Beschäftigten dann laut Tarifvertrag vom Arbeitgeber eine Lohnaufstockung auf 82 Prozent des Vollzeitniveaus. Zudem wird der Rentenversicherungsbeitrag sogar bis auf 95 Prozent aufgestockt.

Anlass für die tarifliche Neuregelung ist, dass der derzeitige Tarifvertrag eine gesetzliche Förderung nutzt, die Ende 2009 ausläuft: Bisher kann sich der Arbeitgeber 20 Prozentpunkte der Lohnaufstockung von der Bundesagentur für Arbeit (BA) erstatten lassen, falls er die frei werdende Stelle neu besetzt. Zwar kämpft die SPD in der Großen Koalition mit den Gewerkschaften im Rücken dafür, die BA-Förderung – derzeit 1,4 Mrd. Euro im Jahr – bis 2015 zu verlängern. Allerdings hat dem nach CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla nun auch Kanzlerin Angela Merkel eine definitive Absage erteilt.

Auch deshalb müssen die Metall-Tarifparteien nun klären, in welchem Umfang es künftig noch Altersteilzeit geben soll – und wie die Kosten verteilt werden. Die Verhandlungen laufen seit Mai stellvertretend für die ganze Branche mit ihren 3,6 Millionen Beschäftigten in Baden-Württemberg. Bisher hatte prinzipiell jeder ältere Metaller einen Anspruch auf vorzeitigen Ausstieg, Grenzen setzte nur ein sogenannter Überforderungsschutz für die Betriebe: Laut Tarifvertrag durften maximal fünf Prozent einer Belegschaft in Altersteilzeit gehen.

Die Arbeitgeber wollen für die Zukunft schon deshalb engere Grenzen ziehen, da die meisten Betriebe wegen zunehmender Fachkräfteknappheit auf leistungsfähige Ältere gar nicht mehr verzichten können. Nicht minder wichtig ist das Geld: Laut Arbeitgeberverband Gesamtmetall kostet ein typischer Altersteilzeitfall das Unternehmen schon heute, mit BA-Förderung, insgesamt rund 60 000 Euro zusätzlich zum regulären Lohn für eine 50-Prozent-Teilzeitstelle.

Schon vor den Metall-Tarifparteien hatten Gewerkschaft und Arbeitgeber der chemischen Industrie im April einen neuen Tarifvertrag in Sachen Altersteilzeit geschlossen. Sein spezieller Kniff: Die Arbeitgeber richten betriebliche Fonds ein und statten sie mit einem Jahresbetrag von 300 Euro je Mitarbeiter aus – allerdings kann das Geld dann für verschiedene Zwecke genutzt werden. Statt es für ein Altersteilzeit-Angebot einzusetzen, können Betriebsrat und Geschäftsleitung auch vereinbaren, es in eine ergänzende Altersversorgung oder einen Berufsunfähigkeitsschutz zu investieren.

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