0 Bewertungen
21.11.2007 
Pharmabranche

Alzheimer-Medikament beflügelt die Merz-Gruppe

von Siegfried Hofmann

Das Arzneimittelgeschäft der Frankfurter Merz-Gruppe hat sich in den vergangenen Jahren prächtig entwickelt. Allerdings ruht der Erfolg bislang fast ausschließlich auf einem einzigen Produkt: dem Alzheimer-Wirkstoff Memantine. Das Familienunternehmen muss sein Produktprogramm zügig ausbauen, denn in wenigen Jahren laufen die Patente in den USA und in Europa ab.

FRANKFURT. Der Alzheimer-Wirkstoff Memantine verhilft der Frankfurter Merz-Gruppe zu kräftigen Steigerungen bei Umsatz und Erträgen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2007 endete, steigerte der Pharma- und Kosmetikhersteller seinen Gruppenumsatz um 13 Prozent auf 535 Mill. Euro und den Nettogewinn um gut ein Fünftel auf 70 Mill. Euro.

Für das laufende Geschäftsjahr 2007/2008 stellen Jochen Hückmann, der Vorsitzende des Gesellschafterrats, und Pharma-Chef Martin Zügel ein Umsatzplus von etwa acht Prozent in Aussicht. Bis 2015 will man den Gruppenumsatz auf mehr als eine Mrd. Euro verdoppeln. Dazu könnten, wie Hückmann deutlich machte, auch Akquisitionen beitragen. „Wir wollen aber in allen Bereichen, in denen wir tätig sind, fokussiert bleiben und sehen uns auch in Zukunft in einer Spezialistenrolle“, sagte er gestern.

Dabei bietet das Familienunternehmen bereits eine vergleichsweise breite Produktpalette. Knapp ein Fünftel der Erlöse erzielt Merz mit Kosmetikprodukten, darunter Marken wie Tetesept und Merz Spezialdragees, die das Unternehmen einst bekannt machten. Gut 65 Mill. Euro Umsatz entfallen auf die Tochterfirma Senator, die sich als größer Produzent von Kugelschreibern in Europa betrachtet.

Zu dem mit Abstand wichtigsten Teilbereich indessen entwickelte sich in den vergangenen Jahren das Arzneimittelgeschäft mit zuletzt 359 Mill. Euro Umsatz, einem Plus von knapp 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Pharmasparte legte damit dreimal so stark zu wie der Markt und verbuchte eine operative Umsatzrendite von gut 30 Prozent. Gemessen an solchen Kennziffern ist Merz das mit Abstand erfolgreichste Pharmaunternehmen in Deutschland und eines der Topunternehmen in Europa.

Allerdings ruht der Erfolg bislang fast ausschließlich auf einem einzigen Produkt: dem Wirkstoff Memantine, der sich innerhalb weniger Jahre als das am zweithäufigsten verordnete Medikament gegen die Alzheimersche Erkrankung etablierte. Weltweit erzielt Memantine inzwischen mehr als eine Mrd. Dollar Umsatz und hat damit Blockbuster-Status erreicht. Den Löwenanteil davon verbuchen die Lizenznehmer Forest (USA) und Lundbeck (Dänemark). Sie haben im vergangenen Geschäftsjahr 157 Mill. Euro Lizenzgebühren nach Frankfurt überwiesen. Merz selbst vertreibt Memantine unter dem Namen „Axura“ in Deutschland und einigen europäischen Märkten. Auch im laufenden Geschäftsjahr dürfte das Mittel dem Pharmageschäft von Merz kräftigen Schub verleihen. Sowohl Forest als auch Lundbeck haben im dritten Quartal Umsatzsteigerungen von mehr als einem Fünftel mit Memantine verbucht.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hoffnungsträger für die Zeit nach Memantine

Allerdings ist der Lebenszyklus des Wirkstoffs begrenzt. 2013 läuft das Patent in den USA aus, ein Jahr später das Schutzrecht in Europa. Die Strategie zielt daher vor allem darauf, Nachschub für die Zeit nach Memantine zu entwickeln. Eine erste Neuentwicklung konnte das Unternehmen inzwischen mit dem Botulinum-Toxin Xeomin auf den Markt bringen, das zur Behandlung spezieller Muskelverkrampfungen zugelassen ist.

Ein Nachfolge-Produkt für Memantine befindet sich in der klinischen Prüfung. Es wird parallel in der Tinnitus-Therapie getestet und könnte im Erfolgsfall 2011 auf den Markt kommen. Insgesamt laufen derzeit 18 Phase-III-Studien mit drei Wirkstoffen, wobei sich Merz fast ausschließlich auf Demenz- und Hautkrankheiten konzentriert. „Als mittelgroßes Unternehmen können wir nur mit einer Fokussierung auf spezielle Segmente bestehen“, sagte Pharmachef Zügel.

Mit einer schuldenfreien Bilanz und 150 Mill. Euro Liquidität verfügt das Familienunternehmen über einigen Spielraum zum Ausbau der Forschung oder auch für Zukäufe. Dessen ungeachtet zielt die Gruppe darauf, kapitalmarktfähig zu sein. Seit zwei Jahren publiziert Merz komplette Geschäftsberichte samt IFRS-Abschluss. Ein Börsengang oder eine anderweitige externe Finanzierung ist nach Hückmanns Worten aber nur für den Fall denkbar, dass sich eine außergewöhnliche und besonders attraktive Chance zur Expansion ergebe. „Und das ist im Moment nicht zu sehen.“


Hoffnungsträger für die Zeit nach Memantine

Tinnitus-Therapie: Mit dem Wirkstoff Neramexane wagt sich Merz in ein bisher noch relativ brach liegendes Therapiegebiet, die Behandlung des Tinnitus, einer Nervenstörung, die zu Summ- oder Pfeifgeräuschen im Ohr führt. Nach positiven Zwischenresultaten bei klinischen Tests soll eine große Studie in dem Bereich Mitte des kommenden Jahres anlaufen. Darüber hinaus wird Neramexane auch gegen die Alzheimersche Krankheit getestet.

Botox-Konkurrent: Bei dem Medikament Xeomin handelt es sich um ein gentechnisch modifizierte Version des Botulinumtoxins. Der Wirkstoff hat bereits eine Zulassung zur Behandlung spezieller Muskelverkrampfungen. Angestrebt wird aber auch die Zulassung für kosmetische Zwecke. Merz könnte damit dem Erfolgsprodukt Botox von Allergan Konkurrenz machen, das hohe Umsätze als Antifalten-Mittel erzielt.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige
Anzeige

weiterKöpfe

„Man muss dem Glück eine Landebahn geben.“  Artikel in Merkliste

Frank Asbeck ist der Chef von Solarworld. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er darüber, wie er mit einer Autovermietung für Journalisten in Bosnien Geld verdiente, seine seherischen Fähigkeiten als Unternehmer und über Strom für das göttliche Bodenpersonal. Artikel


Anzeige