Amerikaner und Autos
James Dean beim Car-Sharing

Freiheit, Unabhängigkeit, Hauptsache groß und laut: Die Liebe zum Auto gehört für die Amerikaner zur Kultur. Aber stimmt das Klischee noch? Die heiße Beziehung scheint sich allmählich zu verändern. 
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WashingtonMan kann es Faulheit nennen. Wer sich bei den Erledigungen des Alltags so wenig wie möglich bewegen will, der kann es sich Amerika gutgehen lassen. Hier kann er beim Drive-Thru-Automaten Geld abheben, sich dann bei McDonalds den Burger ins Fenster reichen lassen, danach zur Verdauungshilfe bei Starbucks ranfahren und am Abend, wenn der Magen zwickt, eben noch zur Drive-Thru-Apotheke brettern. Alles ganz ohne auszusteigen.

Man kann es auch Freiheit nennen. Der Amerikaner und sein Auto – die kulturelle Bedeutung dieser Beziehung füllt Bücher und wurde unzählige Male verfilmt (James Dean!) und vertont (Beach Boys!). Das Auto als Ikone der Freiheit und Unabhängigkeit, einsame, schnurgerade Straßen, rechts und links das weite Land, wer kann nicht sofort solche Sehnsuchtsbilder abrufen: der Ford Mustang in der Prärie, der 59er Chevy im Autokino, die Stretch Limo beim Highschool-Abschlussball. Hauptsache groß, Hauptsache laut. „Der Amerikaner“, hat es einst der Literatur-Nobelpreisträger William Faulkner auf den Punkt gebracht, „liebt wirklich nichts mehr als sein Auto: Nicht seine Frau, sein Kind, nicht sein Land, noch nicht einmal sein Bankkonto“.

Und das Land ist ja auch um den autoliebenden Amerikaner herumgewachsen. Wer kein Auto hat, ist entweder arm oder ein schräger Vogel. Oder er lebt in den wenigen Metropolen, in denen es einen öffentlichen Nahverkehr gibt, der diesen Namen verdient: in Chicago vielleicht, San Francisco, Boston, Washington oder Manhattan. Verloren ist dagegen der, der in Vororten mit dem Bus fahren muss, in Städten wie Los Angeles und natürlich auf dem Land, dort, wo Amerika wirklich stattfindet.

Das ist nicht mehr Klischee als eine nüchterne Bestandsaufnahme: 250 Millionen Autos, bei 310 Millionen Einwohnern. Das regelmäßig meistverkaufte Modell ist der Ford F-150, ein monströser Pickup-Truck. Klar, auch in den USA gibt es zunehmend kleinere Modelle, es gibt Hybrid- und Elektroautos, den Durchbruch haben sie allerdings noch vor sich. Doch bei einem Preis von derzeit 3,33 Dollar pro Gallone Normalbenzin, etwa 70 Eurocent pro Liter, bringt der Ottomotor noch immer den größeren Spaß. Der Preis an der Tankstelle war zuletzt wieder gesunken. Als er im Februar die Marke von vier Dollar zu überschreiten drohte, war er das beherrschende Thema im Wahlkampf. Präsident Barack Obama wurde die Schuld gegeben, und er wusste sich nicht einmal zu wehren.

Und trotzdem ist in den vergangenen Jahren etwas passiert in den USA. Das Auto, so schreiben Forscher, werde zunehmend als bloßes Hilfsmittel betrachtet, nicht mehr nur als Symbol für Status und Freiheit. Weniger als ein Drittel der 16-Jährigen machte im Jahr 2010 den Führerschein – 1988 ware es noch fast die Hälfte. Die Wirtschaftskrise ist daran Schuld, so die Erklärungen, aber auch all die Handys und Facebook, wegen derer die Kids heute nicht mehr für jedes Geschnatter irgendwo hinfahren müssen. Selbst bei jungen Männern sind Autos nicht mehr so beliebt wie früher. Aber auch Gesamt-Amerika steigt seltener aufs Gas: Die Zahl der gefahrenen Meilen pro Jahr stagniert seit 2000 – trotz des Wirtschaftsbooms in den Jahren danach. Gleichzeitig wachsen überall Car-Sharing-Anbieter aus dem Boden.

„Amerikas Liebesaffäre mit dem Auto mag nie zu Ende gehen“, befand kürzlich die „Washington Post“. „Aber es scheint, als kühle sie sich ab. Es ist nun eher eine stabile Ehe als eine heiße Romanze.“ James Dean im Elektroauto oder im knallbunten Car-Sharing-Toyota? Es scheint, als müssten neue Ikonen her.

 

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik

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