Analyse: EADS
Ein deutsch-französischer Hühnerhaufen

EADS steckt in einer tiefen Krise: Der A380 wird um Monate verspätet ausgeliefert, einer der beiden Konzernchefs ist des Insiderhandels verdächtig. Handelsblatt-Redakteur Matthias Eberle zeigt auf, warum auch die Abschaffung der Doppelspitze mit je einem Vertreter Deutschlands und Frankreichs nichts an der Situation ändern wird.

FRANKFURT. Es ist höchste Zeit, das peinliche französisch-deutsche Possenspiel um Macht und Einfluss bei EADS zu beenden. Allein: Es wird den Beteiligten nicht gelingen, allenfalls kurzfristig. Die aktuelle Führungsspitze mit Noel Forgeard und dem Deutschen Thomas Enders ist gerade mal ein Jahr im Amt, schon wird die nächste Variante diskutiert: Die Doppelspitze muss weg, eine einfachere Lösung her! Doch einfache Lösungen gibt es nicht für ein Prestigeprojekt, das sich gern als Stolz der europäischen Industrie feiern lässt.

Sind EADS und Airbus wirklich europäische Konzerne, wie ihre Vorturner gerne glauben machen? Sie wirken europäisch und weltmännisch gar, wenn sie an Feiertagen mit hochrangigen Politikern vor einem frisch enthüllten Flugzeug wie dem gigantischen Riesen-Airbus A380 stehen. Wenn es aber ernst wird und operative Probleme zu beichten sind, wird aus dem europäischen Vorzeige-Konzern ein deutsch-französischer Hühnerhaufen. Dann hat die deutsche Seite eine deutsche Meinung und Frankreich eine französische. Beispiele gefällig? EADS-Co-Chef Noel Forgeard hat für die massiven Produktionsprobleme bei der A380 das Werk in Hamburg-Finkenwerder verantwortlich gemacht. Aus den dortigen Werkshallen schallt es, die Programmleitung in Toulouse sei überfordert.

Allmählich wird deutlich: Mit dem Zusammenhalten dieses Konzerngefüges sind beide Seiten überfordert, Deutsche wie Franzosen. Das Ausmaß der Management-Probleme ist seit einigen Tagen offenkundig: Da hatte EADS nach Börsenschluss mitgeteilt, die Auslieferung des doppelstöckigen Riesen-Airbus verzögere sich um bis zu sieben Monate und bringe Einnahmeausfälle von gut drei Milliarden Euro mit sich. Die Kunden reagierten ähnlich schockiert wie die Börse: Der Aktienkurs von EADS brach in der Spitze um 34 Prozent ein – ein Desaster, dessen Nachwirkungen die Wirtschaftsjournaille einen ganzen Sommer lang beschäftigen dürfte.

EADS war im wirtschaftlichen Boom-Jahr 2000 aus der deutschen Dasa, der spanischen Casa und der französischen Aerospatiale hervorgangen. Um dem sorgsam austarierten Machtgefüge zwischen Franzosen und Deutschen Rechnung zu tragen, wurden damals Doppelspitzen sowohl für den Vorstand als auch für den Verwaltungsrat beschlossen. In der Praxis aber hat dieses Duo nie harmoniert, weil das tiefe Misstrauen in den vergangenen sechs Jahren auf beiden Seiten kaum abgeklungen ist. Die Deutschen glauben bis heute, dass Frankreichs Elite nur einen günstigen Zeitpunkt abwartet, um eines Tages die volle Kontrolle bei Europas größtem Luft- und Raumfahrtkonzern zu übernehmen. In Paris und Toulouse wiederum ist die Meinung stark ausgeprägt, die Deutschen würden außer dem Zusammennieten von Flugzeug-Rümpfen nicht viel zum Gelingen des großen Gemeinschaftswerks beitragen.

Vor diesem Hintergrund wäre auch ein Abschied von der EADS-Doppelspitze nicht die Lösung des Kernproblems. Darauf weisen bereits die jüngsten Winkelzüge hin, die Frankreichs Regierung und der deutsche Großaktionär Daimler-Chrysler derzeit überdenken. Ein Deutscher als alleiniger CEO von EADS? Ja gerne, aber nur dann, wenn Frankreich dafür einen Verwaltungsratschef erhält und den Airbus-Chefsessel zurückbekommt, heißt es aus Toulouse. Wie wäre es damit, einfach den fähigsten Manager an die Spitze des Konzerns zu setzen? Wegen politischer Verwicklungen unmöglich, heißt es aus Hamburg.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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