Analyse
Gazprom legt die Latte hoch

Die Pläne des russischen Gasgiganten Gazprom, zum weltgrößten Energie-Multi zu werden, sind – vorsichtig ausgedrückt – ambitioniert. Wie so oft in Russland schießt die Prahlerei ein wenig über das Ziel hinaus. Denn: Will er Weltmarktführer werden, hat der fußkranke Moskauer Riese noch einen weiten Weg vor sich.

MOSKAU. Gazprom wird es zwar mit der - vor einer Woche angekündigten - Übernahme des Sibneft-Ölkonzerns vom Milliardär Roman Abramowitsch gelingen, sein Öl-Bein deutlich zu stärken. Waren bisher 98 Prozent der Gazprom-Förderung Erdgas, so sind es nach der Übernahme noch 90 Prozent – zehn Prozent werden immerhin schon Erdöl sein. Doch bei internationalen Größen wie Exxon-Mobil, BP oder Shell macht der Ölanteil mehr als 50 Prozent der gesamten Fördermenge aus. Davon bleibt Gazprom vorerst weit entfernt. Eine solche Quote könnte der bisher weltgrößte Erdgasförderer nur erreichen, wenn er sich die gesamte russische Erdölproduktion einverleibte, ein unwahrscheinliches Szenario – selbst bei der gegenwärtigen Neigung des Kremls zum Dirigismus.

Tatsächlich baut sich dagegen bereits Druck der Liberalen im Kabinett auf: Wirtschaftsminister German Gref warnt vor dem „Neandertaler-Denken“ der Kreml-Führung, alles kontrollieren und besitzen zu wollen. Diese Ideologie müsse aussterben wir der Neandertaler.

Denn die vom Staat kontrollierten Unternehmen wie Gazprom und der Ölkonzern Rosneft wirtschaften deutlich ineffizienter als ihre private Konkurrenz. Sie pumpen zu viel Geld in von der Regierung gewünschte, aber wirtschaftlich unsinnige Prestigeprojekte. Außerdem ist die Veruntreuung enormer Gelder weiter an der Tagesordnung.

Da könnte der Sibneft-Erwerb 13,1 Milliarden Dollar – so viel erhält Abramowitsch für seinen Anteil von knapp 73 Prozent – Lehrgeld durchaus wert sein. Denn Sibneft ist Russlands profitabelster Ölförderer. Könnte sich die Gazprom-Führung einiges von Sibnefts Management abgucken, würde allein dies bereits die Übernahme rechtfertigen. Das allerdings ist kaum zu erwarten. Denn in Russland lassen sich die Herren der Großen nie etwas von den Kleinen sagen, schon gar nicht, wenn sie – wie im Fall Gazprom – teilweise von Kreml-Chef Wladimir Putin handverlesen wurden.

Zwar war der Sibneft-Kauf nach Analysten-Berechnungen nicht zu teuer. Gleichwohl lässt er Gazproms Netto-Verschuldung auf 30 Milliarden Dollar steigen. Da fast alle künftigen Export-Erlöse bereits verpfändet sind, bleibt kaum Luft für neue Kredite. Darum wird der Plan, durch weitere Zukäufe zur weltweiten Nummer eins aufzusteigen, so schnell nicht zu realisieren sein.

Zwar ist Gazprom mit einer Marktkapitalisierung von 120 Milliarden Dollar inzwischen fast soviel wert wie Chevron (135 Milliarden Dollar), aber noch weit entfernt vom Branchenprimus Exxon mit seinen 413 Milliarden Dollar Börsenwert. Auch dieser Abstand macht deutlich: Der Weg ist noch weit.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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